Kommentiert: Länger leben — flexibler gestalten

Kommentiert: Länger leben — flexibler gestalten

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt und steigt. Wer heute geboren wird, lebt im Schnitt fast acht Jahre länger als seine Eltern. Die wiederum weilen laut Statistik rund fünf Jahre länger auf Erden als ihre Eltern.

Kein Wunder: Waren die hygienischen und materiellen Bedingungen auch noch nie besser als heute und die Kindersterblichkeit nie geringer. Doch was bedeutet das für eine Gesellschaft, die darauf aufbaut, dass die Jungen für die Alten zahlen?

Dass sich die Altersstruktur in Deutschland immer weiter in Richtung der älteren Menschen verschiebt, ist keine Neuigkeit. Und dass Menschen heute ein gesundes, langes Leben führen können, ist schön. Doch ein Sozialstaat sollte sich an diese Fakten anpassen, sonst bricht das System irgendwann zusammen.

Wer heute ins Erwerbsleben eintritt, hat keine Garantie, jemals auch nur ansatzweise das an Rente ausgezahlt zu bekommen, was ihm theoretisch zustünde. Durch die höhere Lebenserwartung bei fast gleichbleibendem Renteneintritt verlängert sich der Zeitraum immer weiter, in dem der Einzelne Rentenzahlungen bezieht. Altersvorsorgekonzepte boomen. Wer kann, verlässt sich nicht mehr nur auf die gesetzliche Rente. Doch tatsächlich sind immer mehr Rentner von Altersarmut betroffen, müssen aufstocken und schauen, wie sie über den Monat kommen — obwohl sie bis zum gesetzlichen Mindestalter gearbeitet haben.

Ein anderes wichtiges Thema ist die Generationengerechtigkeit. In einer alternden Gesellschaft verschieben sich auch die Interessen immer weiter in Richtung der alternden Mehrheit — auf Kosten der jungen Generation. Wer das Lebensende vor Augen hat, setzt sich oft weniger mit der Zukunft auseinander als mit den eigenen Bedürfnissen im Hier und Jetzt.

Zwei Zukunftsforscher fordern deshalb, die klassische Dreiteilung des Lebens in Ausbildung, Beruf und Ruhestand aufzugeben. Die Grenzen verschwämmen ohnehin immer mehr. Voll- und Teilzeitphasen wechselten sich ab mit Babypausen oder Sabbaticals sowie mit Zeiten des Lernens oder des sozialen Engagements. Flexibilität ist das Stichwort. Jede Lebensstufe sollte „blühen“, zitieren die Forscher aus dem berühmten Stufengedicht von Hermann Hesse. Man solle immer wieder Neuanfänge wagen.

Um auf die gestiegene Lebenserwartung angemessen zu reagieren, müssen also Konzepte an die Stelle eines festen Renteneintrittsalters treten, die der verlängerten Lebenserwartung Rechnung tragen — ohne den verdienten ruhigen Lebensabend zu bedrohen. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass die Lebenserwartung in den Bevöl­­ke­rungs­gruppen mit höherem Einkommen stärker steigt als in einkommensschwachen Schichten. Das muss aufgefangen werden.

Immerhin eins steht fest: Mit spätestens 125 ist Schluss. Einen Jungbrunnen hat bisher nämlich trotz ausgiebiger Suche noch niemand gefunden.