Kommentiert: Kirchen müssen als Arbeitgeber umdenken

Kommentiert: Kirchen müssen als Arbeitgeber umdenken

Im 21. Jahrhundert mutet es grotesk an: Ein Chefarzt, der jahrzehntelang tadellose Arbeit geleistet hat, muss um seine Anstellung bangen, weil er sich scheiden lässt und eine Wiederverheiratung anstrebt.

Eine Altenpflegerin, die zwar alle Qualifikationen mitbringt, wird trotzdem nicht eingestellt, weil sie nicht getauft ist. Einer Erzieherin, die sich als lesbisch outet, bekommt deshalb ihren Zeitvertrag nicht verlängert.

Die beiden großen Kirchen unterwerfen das Personal Gottes bizarren Regeln, die über die Religionszugehörigkeit weit hinausgehen. Mit Forderungen nach einem — wie auch immer auszulegenden — moralischen Lebenswandel greifen sie tief in die Persönlichkeitsrechte der Arbeitnehmer ein. Wenn wir an die Missbrauchsvorwürfe, an die Verschwendung von Kirchengeldern und an die Intrigen denken, die selbst den Vatikan erfassen, ist der Vorwurf der Scheinheiligkeit nicht von der Hand zu weisen.

Fakt ist: Einer der größten Arbeitgeber in Deutschland, dessen Einrichtungen auch noch größtenteils vom Staat oder der Sozialversicherung bezahlt werden, diskriminiert einen großen Teil der Bevölkerung, indem er anders Denkende und Handelnde die Eignung für Tätigkeiten in ihren Häusern abspricht. Von Toleranz oder Nächstenliebe, die die Kirchen für sich beanspruchen, ist nichts zu spüren.

Aus dieser Perspektive haben die Richter am Europäischen Gerichtshof jetzt ein längst überfälliges Grundsatzurteil gefällt, das die Einstellungspraxis von sozial-caritativen Einrichtungen auf den Kopf stellen und vielleicht den Weg für ein modernes Arbeitsrecht auch bei den Kirchen ebnen wird.

Ein Urteil aber auch mit Sensibilität für die besonderen Bedürfnisse der Kirchen. Denn wenn die Zugehörigkeit zu einer Konfession für eine Stelle „objektiv geboten“ ist und die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt, dürfen sie an ihrer Einstellungspraxis festhalten. Je näher also die Tätigkeit an das Ordinariat oder die Verkündigung heranreicht, desto strenger werden sie die Regeln auch handhaben können.

Gleichzeitig wird es für sie schwer werden zu begründen, warum die Pflegekraft, die Erzieherin oder der Arzt eine Tätigkeit ausüben, die direkt mit dem Glauben und der Verkündung desselben zu tun hat. Und bitte, liebe Kirchen: Anders- oder nichtgläubige Mitarbeiter können eine große Bereicherung sein.

Bei aller Kritik an der bislang gängigen Praxis sollten aber auch potenzielle Bewerber eines nicht vergessen: Die Kirche ist kein Arbeitgeber wie jeder andere. Wer sich dort beruflich entfalten will, ist gut beraten, sich mit ihren Werten, Zielen und Traditionen zumindest zu identifizieren. Das macht vieles leichter.