Kommentiert: Kein Schlussstrich

Kommentiert: Kein Schlussstrich

Darf man einen 94-Jährigen zu einer Haftstrafe verurteilen? Natürlich, man muss sogar, wenn es um einen so unvorstellbaren Massenmord wie im Dritten Reich geht.

Oskar Gröning war in Auschwitz, dem schrecklichsten Tatort des industrialisierten Völkermords der Nazis. Gröning hat wohl nicht selbst Hand angelegt, aber er hat Beihilfe geleistet — und ist damit nach deutschem Recht so schuldig wie die Mörder selbst.

Anders als viele, die vor ihm vor Gericht standen, hat der „Buchhalter von Auschwitz“ Reue gezeigt und erklärt, ihm sei bewusst, dass er nicht hätte mitmachen dürfen. Die Erkenntnis kommt sehr spät, aber sie kommt. Dieses Eingeständnis und das Urteil verschaffen den Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer Genugtuung: Auch 70 Jahre danach kann man dem Recht Geltung verschaffen. Es geht dabei gar nicht so sehr um die Höhe der Strafe — vier Jahre —, auch wenn einige sie als zu milde kritisieren. Es geht vielmehr um einen Abschluss, um eine Art Wiederherstellung des inneren Friedens — auch für Gröning selbst. In Anbetracht seines Alters ist es wenig wahrscheinlich, das er tatsächlich ins Gefängnis muss. Aber er könnte für den Rest seines Lebens mit sich selbst ins Reine kommen, er könnte das Urteil als Entlastung empfinden.

Mit diesem Prozess in Lüneburg ist allerdings das Kapitel deutscher Massenmörder noch nicht abgeschlossen. Es gibt noch etliche Täter von damals, die zwar alle um die 90 sind, aber für ihre Taten noch nicht zur Verantwortung gezogen worden sind. Sie zu finden und anzuklagen, ist dringliche Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden. Es darf nicht sein, dass die noch lebenden Nazi-Schergen ebenso unbehelligt davonkommen wie viele vor ihnen. Es geht auch um das Versagen der Justiz bei der Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Man kann es nicht abschließen, schon gar nicht verdrängen oder vergessen. Wer vergisst, ist anfällig für Wiederholungen.

Deutschland hat die moralische Verpflichtung, allen Schlussstrich-Predigern zu widersprechen — nicht um dem Ausland oder Opfer-Organisationen zu gefallen, sondern um seiner selbst willen. Denn „Einigkeit und Recht und Freiheit“, wie es so schön in unserer Nationalhymne heißt, sind von gleich hoher Bedeutung. Sie bedingen einander, nur eines oder zwei davon ergeben keine Demokratie. Und darauf sind wir doch stolz.