Kommentiert: Humor und Haltung

Kommentiert: Humor und Haltung

Es wurde in jüngster Zeit viel über positive Signale im deutsch-türkischen Verhältnis gesprochen. Außenminister Sigmar Gabriel empfing seinen Amtskollegen Mevlüt Çavuoglu im Privathaus in Goslar, inhaftierte Deutsche wurden aus der Haft entlassen und es soll auch wieder regen Kontakt auf Regierungschef-Ebene geben. Zeichen der Entspannung, die im Fall Deniz Yücel durchaus die Hoffnung auf Bewegung entstehen ließen.

Die Grundregeln der bilateralen Diplomatie sehen in einer solchen Situation Leisetreterei vor. Je stiller und gesichtswahrender man vorgeht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen prominenten Häftling freizubekommen. Man denke an Michael Chodorkowski, der vor vier Jahren aus der Haft in Russland entlassen wurde, was viel mit dem diplomatischen Geschick Hans-Dietrich Genschers zu tun hatte.

Der Ex-Außenminister gab danach keine Details preis und lobte Wladimir Putin für seine „bedeutsame und ermutigende“ Entscheidung. Auch im Nachhinein gilt also: Zucker für den Potentaten, um ihn für künftige Fälle gütlich zu stimmen.

Erdogans politisches Kalkül

Geübte Diplomaten dürften sich angesichts des Interviews von Deniz Yücel nun die Haare raufen. Denn der „Welt“-Journalist macht dort alles andere als gut Wetter in Richtung Recep Tayyip Erdogan. Deutlich benennt er die enge Verbindung von Politik und vermeintlich unabhängiger Justiz, erteilt einem „schmutzigen Deal“ für seine Freilassung eine Absage und kündigt an, nach einer Entlassung durchaus weiter in der Türkei arbeiten zu wollen.

Das deutliche Statement Yücels: Natürlich will ich freikommen, aber nicht um jeden Preis. Er will nicht schweigen, weil es für ihn um mehr als „nur“ um ihn geht. Es geht um die Türkei, um all die anderen Inhaftierten und Suspendierten sowie um die Frage, ob dieses Land weiter den Weg in Richtung Unrechtsstaat geht. Er muss das wohl so tun, weil er kein Diplomat, sondern Journalist ist. Ein guter Journalist, der weiß, dass die jüngsten Entspannungszeichen nichts mit einer von Erdogan neu entdeckten Liebe für Rechtsstaatlichkeit zu tun haben, sondern mit politischem Kalkül.

Erdogan ist auch jetzt kühler Wahrer seiner Interessen. Die schlechten Beziehungen zur EU wollte er nach dem Putsch mit einer Hinwendung gen Russland und China auffangen, musste aber feststellen, dass sich so vielleicht innenpolitisches Gewicht erlangen lässt, chinesische oder russische Investoren ihm aber nicht gerade die Türe einrennen. Zum Ankurbeln der Wirtschaft braucht er Europa. Das ist ein wichtiges Signal in Richtung Berlin und Brüssel, die sich in der Auseinandersetzung mit dem „Sultan“ häufig viel zu klein gemacht haben.

Selbstbewusst sollte man sich Ankara annähern, gerne untermauert durch diplomatisches Geschick. Im Hinterkopf aber sollte man stets haben, dass Erdogan auch künftig stark interessengeleitet vorgehen und kein Problem damit haben wird, seinen Kurs zu ändern, sobald er glaubt, davon zu profitieren.

Und Yücel? Nimmt man das Interview zum Maßstab, ist dieser Mann weit davon entfernt, gebrochen zu sein. Da spricht ein Mensch mit Humor und Haltung, der trotz seiner schlimmen Situation die Fähigkeit bewahrt hat, Mitgefühl mit denen zu haben, denen es noch schlechter geht. Chapeau.

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