Kommentiert: Es wird schmutzig

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Es läuft nicht gut für die Grünen. Nach den Umfrage-Höhenflügen der vergangenen Jahre kann die Partei inzwischen froh sein, wenn sie am kommenden Sonntag noch ein zweistelliges Ergebnis einfährt. Nun rächt sich bitter, dass die Alternativen nicht früher mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt haben.

Es war ja nie ein Geheimnis, dass sich die Partei in ihrer Gründungsphase als Auffangbecken für unterschiedlichste, teils dubiose linke Strömungen verstand. Dass darunter auch solche waren, die sich für straffreien, angeblich einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen und Kindern einsetzten, hat man nur zu gerne verdrängt.

Wer aus den nun bekannt gewordenen Details zur Rolle von Jürgen Trittin aber Rücktrittsforderungen ableiten will oder bedeutungsschwer von „Pädophilie-Verstrickungen“ spricht, der macht sich geradezu lächerlich.

Keine Parallelen zur Kirche

Nur zur Erinnerung: Es gibt keine Berichte über Grünen-Politiker, die sich an Kindern vergangen hätten. Es gibt keine Opfer, die sich gemeldet hätten. Parallelen zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche lassen sich deshalb nicht ziehen. Trittin muss sich vorwerfen lassen, offenbar mehr oder weniger kritiklos eine Position in einem kommunalen Wahlprogramm verantwortet zu haben, die nicht nur aus heutiger Sicht falsch war.

Das macht ihn nicht zu einem Päderasten. Gleichwohl wirft es ein bezeichnendes Licht auf eine Zeit, in der vieles in Frage gestellt wurde, was als moralische Konvention zuvor über Jahrzehnte Bestand hatte.

„Eine Revolution ohne Exzesse gibt es nicht“, schreibt der Publizist Jakob Augstein zu den Wirren der 68er und ihrer sexuellen Revolution. Er hat Recht. Tatsächlich lassen sich viele der damaligen Debatten nur aus der Zeit heraus erklären. Heute wirken sie zu Recht abstoßend.

So sollte bei aller — geheuchelten — Aufregung über das alternative Milieu eines nicht vergessen werden: Es waren die Grünen, die erstmals über Themen wie Kindesmissbrauch und Vergewaltigung ganz offen diskutierten; Themen, die in dieser Zeit sonst lieber totgeschwiegen wurden. Und: Auch in anderen Parteien, vornehmlich der FDP, waren zu Beginn der 80er Jahre Pädophile aktiv.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bescheinigt den Grünen, mit der unabhängigen Aufarbeitung ihrer Gründerzeit die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Allerdings wirft das Gebaren der beauftragten Forscher mittlerweile Fragen auf. Mit der Entscheidung, ohne Rücksicht auf den Wahlkampf einzelne Ergebnisse ihrer (längst nicht abgeschlossenen) Arbeit zu publizieren, demonstrieren sie zwar auf spektakuläre Weise ihre Unabhängigkeit. Der eigenen Arbeit schaden die Politikwissenschaftler allerdings massiv. Denn eine ernsthafte Debatte werden die Veröffentlichungen so kurz vor der Wahl nicht mehr auslösen. Seriöse Forschung sieht anders aus.

Dass die Grünen maximale Transparenz herstellen wollen, ist richtig; sich von Wissenschaftlern die Bedingungen diktieren zu lassen, eine Dummheit.