Kommentiert: Eine schwierige WM

Kommentiert: Eine schwierige WM

Das wird die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten.“ Fifa-Präsident Gianni Infantino hat sein Urteil über das Turnier in Russland bereits gefällt, bevor es überhaupt angefangen hat. Es wirkt allerdings so, als stünde er mit dieser Meinung noch ziemlich allein da, von großer Euphorie ist zumindest in Deutschland nichts zu spüren.

Was nicht verwunderlich ist. Es gibt gute Gründe, diesem Turnier skeptisch gegenüberzustehen. Weil die Fifa es ausrichtet. Weil es in Russland stattfindet. Und — auch das gehört dazu — weil die deutsche Nationalmannschaft ein paar Probleme zu viel hat. Ideale Voraussetzungen sind das nicht.

Es ist zwar Infantinos Aufgabe, das Turnier anzupreisen. Etwas mehr Demut würde aber auch der Fifa nach all den Skandalen in der jüngeren Vergangenheit und nach zuletzt mehreren umstrittenen WM-Vergaben gut zu Gesicht stehen. Die Fußballfans haben das Vertrauen in den Weltverband verloren; er gilt längst als korrupte Gemeinschaft, die nur auf den Profit schielt. Und es ist mehr als fraglich, ob es mit großspurigen Ankündigungen wie der Infantinos zurückgewonnen werden kann.

Zumal ja auch noch der Gastgeber kritisch gesehen wird: Russland ist in viele Konflikte auf der ganzen Welt involviert, mit Menschenrechten nimmt es Präsident Wladimir Putin oft nicht so genau. In den russischen Stadien werden dunkelhäutige Spieler regelmäßig beleidigt, und dass das Land zudem berüchtigt für seine brutalen Hooligans ist, weiß spätestens seit der EM 2016 jeder. Daran, dass in Russland systematisch gedopt wurde, muss kaum erinnert werden.

Vor allem beim erfolgsverwöhnten deutschen Fan schmälern auch die Probleme rund um die Nationalmannschaft die Vorfreude aufs Turnier. Dass das DFB-Team in den letzten Testspielen enttäuschte, ist nicht einmal der Hauptgrund; größeren Schaden hat die Debatte um die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angerichtet — weil es in dieser Causa nur Verlierer gibt. Die Fans sind enttäuscht, die Spieler außer Form, und Bundestrainer Joachim Löw ist ratlos — auch weil der DFB kein gutes Krisenmanagement zustande brachte.

Die Chance auf guten Sport

Dass diese Faktoren vor der WM auf die Stimmung drücken, zeigt, dass sich Sport und Politik längst nicht mehr trennen lassen. Und dennoch bedeutet das nicht, dass es jetzt kein tolles Turnier geben kann. Denn bei aller Skepsis bleibt zumindest die Hoffnung auf guten Sport. Der Fußball ist ja das Thema, um das es eigentlich gehen soll. Und wer weiß? Vielleicht gelingt ja tatsächlich ein Turnier ohne Zusammenstöße, ohne Skandale, ohne Propaganda. Es wäre wohl nicht die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten, aber es wäre eine tolle. Und natürlich: Sie wäre noch ein bisschen besser, wenn Deutschland den Pokal mit nach Hause bringen würde.

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