Kommentiert: Eine andere Welt

Kommentiert: Eine andere Welt

Schneller als befürchtet war in dieser Nacht klar: Das wird eine Zitterpartie. Schnell war klar, dass die schlimmsten Befürchtungen immer mehr zur Gewissheit wurden.

Das Unfassbare ist Realität geworden. Von Trump gewinnt in Ohio, Trump gewinnt in Florida, es sieht immer besser, immer stabiler aus für ihn, bei den Wahlparties in den USA setzt ein deutlicher Stimmungsumschwung ein, und am Ende scheint nun das Unfassbare zur Gewissheit zu werden: Donald Trump wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nächster Präsident der Weltmacht USA. Trump und die Amerikaner haben es weit gebracht, schrecklich weit.

Dieses Wahlergebnis ist ein weltweiter Sieg der Populisten und der Vereinfacher, verheerender Rückenwind für Ausgrenzung, Rassismus und asoziale Politik, für Willkür und Rücksichtslosigkeit. Niemand weiß, was der Mann eigentlich will. Niemand weiß, mit welchem Team er regieren will, niemand weiß, was er außenpolitisch vorhat, niemand weiß, was aus der Führungsmacht Nummer eins nun wird. Es ist die Stunde Null. Bundesaußenminister Steinmeier hat Trump einen „Hassprediger“ genannt. Das war kein Versprecher.

Das sprach er bewusst so aus, der ansonsten so zurückhaltende Diplomat. Das war und ist tiefste Sorge. Was muss passieren, wenn einer wie Trump Präsident werden kann? Ein unerträglicher Despot, der Frauen auf unsägliche Art beleidigt, der pauschal Mexikaner der Vergewaltigung und Drogensucht bezichtigt, der Klimawandel für ein Gerücht hält, der keine klare Haltung zur Nato hat, der Zölle einführen will, und, noch viel schlimmer, Folter - für das Image des gesamten Westens und seiner demokratischen Menschenrechte eine Katastrophe. Die Welt hat sich dramatisch verändert mit dieser Präsidentenwahl.

Diese amerikanische neue Welt ist eine ganz andere, eine unsichere, eine kaum noch kalkulierbare geworden. Trump hat die Wutbürger, die Verlierer, die Enttäuschten, die vom so genannten Establishment desillusionierten und zermürbten Amerikaner an die Wahlurnen gebracht - trotz der vielen Gegner in der eigenen republikanischen Partei. Den Demokraten ist es dagegen nicht gelungen, ihre Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Hillary Clinton war alles andere als überzeugend, sie war, das muss man spätestens jetzt konstatieren, die total falsche Kandidatin, kein allzu beliebter Gegenentwurf zum Lautsprecher Trump. Clinton wählen, um Trump zu verhindern: Das reichte als Wahlmotiv nicht.

Die Mehrheit der USA hat ganz offensichtlich das schlimmere Übel gewählt. Hinter uns liegt eine Wahlnacht, die an Spannung kaum zu überbieten war und gewiss auch nicht an Ernüchterung, böser Überraschung und größter Besorgnis. Der ziemliche sichere Sieg der Intoleranz ist kein Ruhmesblatt für die Demokratie. Sie ist eine verheerende historische Zäsur und viel mehr als ein üblicher demokratischer Machtwechsel. Und Europa? Ratlosigkeit herrscht in den ersten Stellungnahmen aus Berlin und Brüssel, Euphorie in Moskau. Auf die transatlantischen Beziehungen kommen schwere Zeiten zu.

Die EU wird sich angesichts des politischen Großmauls, das im Januar ins Weiße Haus einziehen wird, kleinkarierte Streitigkeiten nicht weiter leisten können. Wir werden sehen, was mit Europa noch los ist, sobald die momentane Schockstarre überwunden ist. Aber auch hier gilt leider: wenig Hoffnung. Was für eine schlimme Nacht und ein bitterer Vorgeschmack auf manchen kommenden Wahlkampf in Europa.

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