Kommentiert: Ein zweiter Skandal

Kommentiert: Ein zweiter Skandal

Dass ein Contergan-Geschädigter vor Gericht ziehen muss, um weiterhin die Wahrheit über die Conterganstiftung sagen zu dürfen, ist ein Skandal nach dem Skandal. Ein früherer Vorstand dieser Stiftung, über die finanzielle Hilfen an die Opfer fließen, hatte dem Geschädigten vorgeworfen, er habe als Sachverständiger im Bundestag gelogen.

Dabei hatte er dort nur die Fakten benannt, die Insidern klar waren: Der Contergan-Hersteller Grünen­thal hatte 30 Jahre lang Zugriff auf medizinische Akten Betroffener und bezahlte die Gutachter der Medizinischen Kommission. Seit dem gestrigen Urteil darf er das nun wieder öffentlich sagen.

Der Rechtsvertreter Grünen­thals war seit der Gründung der Conterganstiftung 1972 bis zur Neufassung des Gesetzes 2003 in Personalunion auch Vorsitzender der Medizinischen Kommission der Stiftung und hatte in dieser Eigenschaft Zugang zu medizinischen Akten der Betroffenen, bevor sie an die Sachverständigen übersandt wurden.

Das ist eine Tatsache, die die starke Rolle zeigt, die Grünenthal bei der Einstellung des Strafprozesses gegen ihre Mitarbeiter Ende 1970 hatte. Das Unternehmen zahlte zwar 100 Millionen D-Mark in eine Stiftung, doch damit waren Bedingungen verknüpft. Anfang der 70er Jahre hielt es offenbar niemand für fragwürdig, dass ein Unternehmen, dessen Produkt Menschen geschadet hat, am operativen Geschäft genau der Stiftung beteiligt wurde, die die Folgen lindern sollte. Das mag dem mangelnden Problembewusstsein dieser Zeit in solchen Fragen geschuldet sein. Der eigentliche Skandal ist, dass die Bundesregierung diese Verflechtung erst 2003 beendete — obwohl längst nur noch der Steuerzahler für die Renten der Conterganopfer aufkam und die Gesellschaft andere ethische Maßstäbe anlegte.

Nicht ernst genommen

Das ist ein Hinweis darauf, dass das Familienministerium, dem die Conterganstiftung untersteht, das Thema und die Opfer nicht wirklich ernst nimmt. Denn bis heute räumt es den Betroffenen im Stiftungsrat keine Rolle auf Augenhöhe ein. Zwei Betroffene treffen dort auf drei Ministerialbeamte. Sie sind zum Bittsteller verdammt.

Fatal ist, dass ein früherer Vorstand der Conterganstiftung wider besseres Wissen einen Leidtragenden des Medikaments zum zweiten Mal zum Opfer gemacht hat. Denn nachdem der Contergangeschädigte vom damaligen Stiftungsvorstand der Lüge bezichtigt worden war, bekam er die Konsequenzen zu spüren: Bis zu diesem Zeitpunkt war er ein angesehener Sachverständiger zum Thema Contergan. Durch den Vorfall verlor er seine Reputation und wurde nicht mehr angefragt. Ob das Urteil vom Donnerstag genügt, um ihn zu rehabilitiert, wird sich zeigen müssen.