Kommentiert: Dschungeldebatte ist Scheingefecht

Kommentiert: Dschungeldebatte ist Scheingefecht

Seit zehn Jahren hebt stets im Januar das Geheule über das Dschungelcamp an.

Im Prinzip ist die Show alleine für den Untergang des TV-Landes verantwortlich, könnte man meinen. Zwei Gegenargumente:

1. Die Sendung ist besser als ihr Ruf

„Ich bin ein Star holt mich hier raus“ ist je nach Sichtweise ein Riesenspaß oder eine Riesenschwachsinn — manchmal sogar beides gleichzeitig. Fakt ist, niemand nimmt, mit Ausnahme einiger Insassen, die Sendung wirklich ernst. Das gilt für das Publikum, aber zuvorderst für die Macher. Die bissigen und grimmepreisnominierten Moderationen zeugen von Selbstironie und gerade die ist es, die den Erfolg der Sendung ausmacht. Die einzigen, die (Image-)Schaden nehmen könnten sind die Kandidaten, die jedoch wissen worauf sie sich einlassen, entlohnt werden und auf ein Karriereschübchen hoffen. Mitleid ist hier fehl am Platz.

2. Bitte keine Scheingefechte

Sie wollen sich über das Fernsehen aufregen? Kein Problem, dazu gibt es jede Menge Anlass. Sie müssen nur bewusst schauen und werden viele Aufreger finden, gegen den der vermeintliche Werteverlust im Dschungel eine Nichtigkeit ist. Eine Auswahl:

Wie ist es beispielsweise mit Reality-Shows? Medienlaien werden mit Knebelverträgen in gescriptete Rollen gepresst, nur um den Voyeurismus der Zuschauer zu bedienen. Die hocken schadenfroh vor der Kiste und können sich sagen: „Schau mal Schatz, so blöd/hässlich/autistisch sind wir aber nicht.“ Hinzu kommt, das „Schwer verliebt“, „Teenager in Not“ oder „Messie-Alarm“ den fatalen Eindruck vermitteln, dass sich jedes Problem mit viel Spucke, liebevollen Moderatorenumarmungen und ein wenig gutem Willen aus der Welt schaffen lässt. Scheitern ist in dieser „Das-kriegen-wir-schon-hin“-Welt nicht vorgesehen. Wer es doch tut, ist gewissermaßen selber schuld, lautet die Botschaft.

Richtig schlimm ist Markus Lanz

Oder die ganzen Kochshows? Gebührenfinanzierte vermeintliche Spitzenköche reden uns dort immer wieder ins Gewissen und predigen vom Wert frischer Zutaten, nur, um uns dann werbungsfinanziert Tütensuppen anzudrehen. Im selben Maße wie die Sendezeit für Kochsendung zu- hat die für Politmagazine abgenommen. Was früher im Öffentlich-Rechtlichen stolzer Pfeiler politischer Aufklärung war, wird nun gekürzt und auf hinteren Sendeplätzen schamhaft versteckt. Stattdessen sehen wir zur Primetime verbrauchernahe Servicemagazine, in denen eine Hauswirtschafterin Kaffeemaschinen testet.

Die Krönung all dessen ist Markus Lanz, weil er Populismus und Inhaltsleere im Gewande der Seriosität präsentiert. Lanz denkt, ein Gespräch mit einem Politiker sei automatisch ein politisches Gespräch. Gebührenfinanziert lädt er sich hin und wieder politisches Personal in seine Talkshow ein, um mit ihnen entweder politikfern über private Dinge zu plaudern oder ihnen — im Glauben, das sei investigativ — populistisch immer wieder dieselbe Frage zu stellen. Er trägt somit seinen Teil zur Politikverdrossenheit bei.

In den vergangenen beiden Wochen gab es aber auch bei Lanz fast nur ein Thema. Da sprach man über den Dschungel. Mitunter ein wenig von oben herab, weil man ja beim ZDF ist, aber dennoch fasziniert und mit dem Kalkül, etwas vom Dschungel-Kuchen abzubekommen. Ziemlich erbärmlich.

Als sich dann vor ein paar Tagen Oliver Kalkofe — eingerahmt von zwei Ex-Dschungel-Kandidaten — bei Lanz über die mangelnde Qualität im deutschen TV echauffierte, war es so, als würde der Mann vom Gesundheitsamt sich im größten Saustall der Stadt über die Unsauberkeit bei den anderen beschweren.

Wie gesagt, es gibt gute Gründe, sich über das deutsche Fernsehen aufzuregen. Die Debatte über das Dschungelcamp aber ist ein Scheingefecht.

Mehr von Aachener Zeitung