Kommentiert: Die SPD ist auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt

Kommentiert: Die SPD ist auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt

Die SPD lobt sich gerne für ihre Streitkultur und verweist darauf, eine Partei zu sein, die es sich selbst nicht immer leicht macht. Nach Freitag muss man die Frage stellen, ob diese Partei noch weiß, was sie tut.

So viel Chaos ist bei der SPD nie gewesen, das ist von einer historischen Dimension! Von einem freien Fall kann nicht mehr die Rede sein. Die SPD ist aufgeschlagen, liegt am Boden und ringt um ihr Überleben. Ob sie nach dem Desaster mit Martin Schulz, dessen politische Karriere wohl beendet ist, wieder aufsteht, bleibt abzuwarten. Der Niedergang hat auch mit Schulz zu tun. Aber nicht nur.

Besonders peinlich und armselig war die Art und Weise, mit der sich die Chefgenossen und ehemaligen Freunde Schulz und Sigmar Gabriel kurz vor dem Aufprall noch eben schnell gegenseitig über Bord katapultiert haben. Wie Schulz Gabriel abfertigte und Gabriel gegen Schulz nachtrat. Niveauloser geht es kaum. Schulz und Gabriel haben sich und ihrer Partei ein Armutszeugnis ausgestellt.

Dabei hätten die Sozialdemokraten allen Grund gehabt, zufrieden zu ein. Bei den Koalitionsverhandlungen war es gelungen, drei bedeutende Ministerien an Land zu ziehen. Und überhaupt trägt ja der Vertrag durchaus die Handschrift der SPD. Richtige Freude mochte sich aber bei den Genossen nicht breit machen. Was weniger mit der Kritik an der Koalitionsvereinbarung als vielmehr mit dem wachsenden Unmut über Parteichef Schulz zu tun hatte.

Wortbrüchig!

Zum einen sah sich Schulz mit dem berechtigten Vorwurf des Wortbruchs konfrontiert. Er selbst war es, der ein Ministeramt unter einer Kanzlerin Angela Merkel kategorisch abgelehnt hatte. Doch dann der Sinneswandel: Offensichtlich hatte es Schulz nicht ganz so ernst gemeint und war nun fest entschlossen, der nächste Außenminister zu werden. Abgesehen davon, dass solche Wortbrüche bei den Menschen in diesem Land gar nicht gut ankommen, hatte sich Schulz wohl verzockt und die Reaktion in der eigenen Partei unterschätzt. So sorgte sich NRW-SPD-Chef Michael Groschek medienwirksam um die Glaubwürdigkeit der Partei, die nach Schulz' Ankündigung auf dem Spiel stehe. Ausgerechnet vom NRW-Landesverband, den Genossen in seiner Heimat, ist Schulz zur Aufgabe gedrängt worden. Das setzt dem ganzen Trauerspiel die Krone auf und macht die Sache für den Würselener noch bitterer.

Gut möglich, dass Schulz nach dieser unbeschreiblichen Achterbahnfahrt innerhalb nur eines Jahres am Ende auch erlöst ist. So gerne er sich als politischer Kämpfer gibt, so sehr wird auch er einsehen müssen, dass es jetzt gut ist. Dass Schulz als Beispiel in die Geschichte eingehen wird für jemanden, der in Rekordzeit vom Hoffnungsträger zum Totengräber einer Partei mutierte, ist tragisch. Und nicht fair.Schulz steht nun persönlich vor einem politischen Scherbenhaufen. Das ist tatsächlich ein bisschen traurig. Man wundert sich darüber, dass dieser blitzgescheite Instinktpolitiker vor allem auch scheiterte, weil ihm der Instinkt verloren ging. Vielleicht waren die 100 Prozent, mit denen er beim Parteitag zum Vorsitzenden der SPD gewählt worden war, einfach auch für ihn zu viel des Guten.

Macho-Kampfspielchen

Immerhin hat er dafür gesorgt, dass das Thema soziale Gerechtigkeit wieder in den Fokus der SPD-Spitze gerückt ist. An der Vermittlung dieses Themas ist er gescheitert. Da war und ist ihm seine designierte Nachfolgerin im Amt des Parteivorsitzenden, Andrea Nahles, voraus. Sie geht ohnehin als die Gewinnerin aus diesen peinlichen Macho-Kampfspielchen der SPD-Granden hervor. Die Menschen, und zwar nicht nur die, die der SPD nahe stehen, haben auf diese Muskelspiele keine Lust mehr. Sie wünschen sich Politiker, die Politik machen. Nahles, der die Sympathien nicht zufliegen, kann das. Wenn jemand die SPD reanimieren kann, dann sie.

Es war das erklärte Ziel von Schulz, die SPD von Grund auf zu erneuern, er wollte die Partei, die unter den Vorgängern immer wieder an sich selbst und an den Personaldebatten scheiterte, einen. Schulz hat das nicht geschafft. Auch deshalb, weil die Attacken und Sperrfeuer aus den eigenen Reihen im Wahlkampf nie aufhörten. Das ist ja ohnehin eines der zentralen Probleme der SPD: Einige von denen, die mal in der ersten Reihe tanzten, drängt es immer wieder zurück auf die Tanzfläche. Wenn das ewige Nörgeln dieser eitlen Ehemaligen nicht endlich aufhört, wird auch Nahles scheitern.

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