Kommentiert: Die Misere der Tagesmütter ist hausgemacht

Kommentiert: Die Misere der Tagesmütter ist hausgemacht

Die Studie zur Situation von Tagespflegepersonen erschreckt, verwundern kann sie jedoch nicht. Dass die vielen Tagesmütter und wenigen Tagesväter mit ihrer Situation unzufrieden sind, ist ein hausgemachtes Problem.

Sie sind nämlich einerseits hochwillkommen, um Versorgungslücken zu stopfen. Andererseits werden sie in ein System moderner Tagelöhnerschaft gepresst. Frei nach dem Motto: „Hilf uns, wenn wir Dich brauchen, trage aber bitte das Risiko weitestgehend allein!“

Zum Hintergrund: Seit 2013 gibt es für Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Betreuung. Ein Anspruch, der vom Bund formuliert wurde, mit dem die Kommunen aber lange Zeit alleingelassen wurden. Ein Anspruch, dem keine Kommune mit den von ihr vorgehaltenen Kita-Plätzen gerecht werden konnte und es bis heute nicht kann.

Um Schadenersatz-Klagen zu verhindern, wurden zum einen so schnell wie möglich weitere Kita-Plätze aus dem Boden gestampft, und zum anderen, Tagesmütter als stille Reserve „eingekauft“. Diese sogenannten Tagespflegepersonen waren bis dahin Selbstständige, die nach den Gesetzen des Marktes agierten. Mit allen Nach- und Vorteilen. Sie trugen das Risiko von Verdienstausfällen und mussten sich kranken- und sozialversichern, konnten allerdings auch frei mit den Eltern verhandeln, wie hoch ihr Gehalt ist. Das ist heute anders.

Nur Nachteile und Risiken

Auch, wenn die Regelungen von Kommune zu Kommune unterschiedlich sind, gilt doch vielerorts für die Tagesmütter, dass sie weiterhin die Nachteile und Risiken der Selbstständigkeit haben, ihnen aber die Vorteile genommen wurden. Und zwar derart, dass sie de facto in eine Scheinselbstständigkeit gezwungen werden — auch wenn Gerichte das bislang anders einschätzen.

Die meisten Kommunen haben die Tagesmütter vertraglich gebunden und vermitteln Kinder an sie. Zwar können die Tagesmütter immer noch entscheiden, welche Kinder sie betreuen und welche nicht, Vertragspartner ist aber die Kommune. Die Eltern zahlen an die Stadt, die wiederum feste Stundensätze an die Tagesmütter überweist und es meistens verbietet, dass die Tagesmütter mit den Eltern einen Aufpreis aushandeln. Hinzu kommen strikte Auflagen etwa was die Räumlichkeiten angeht. Von einem freien Markt und Selbstständigkeit kann also keine Rede sein.

Es gibt so gut wie keine Eltern mehr, die auf die Vermittlung durch die Kommune verzichten und eine Tagesmutter selbst bezahlen. Stattdessen werden Tagesmütter, die sich früher durch sehr gute Betreuung, einen besseren Stundenlohn erarbeiten konnten, in ein System gepresst, das den Druck der Kommunen einfach an sie weitergibt.

Ehrlicherweise müsste man sich in den Rathäusern entscheiden. Entweder die Tagespflegepersonen sind selbstständig, dann aber auch richtig. Oder sie müssten als angestellte Beschäftigte behandelt werden, woran angesichts klammer Kassen kein Interesse besteht.

Sie werden alleingelassen

Stattdessen wird die unhaltbare Situation toleriert, weil (fast) alle von dem System profitieren. Vor allem die Kommunen, die die Tagesmütter flexibel nutzen, um den Betreuungsanspruch zu erfüllen, und sich nicht darum kümmern müssen, wenn der Bedarf sinkt. Und natürlich die Eltern, die deutlich weniger für die Betreuung zahlen müssen.

Die Leidtragenden sind die Tagesmütter. Sie haben anders als Kindergärtnerinnen keine Gewerkschaft im Rücken und müssen sich als Einzelkämpferinnen durchschlagen. Wir vertrauen ihnen unsere Kleinsten an, um die sie sich liebevoll kümmern und mit dafür sorgen, dass das gesellschaftliche Ideal der Vereinbarkeit von Beruf und Familie realisiert wird. Eben jene Gesellschaft aber lässt sie mit ihren Problemen weitgehend alleine.

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