Kommentiert: Die EU-Blamage

Kommentiert: Die EU-Blamage

Man kann es nicht schönreden: Was am Dienstagabend bei der Anhörung von Mark Zuckerberg im Europäischen Parlament in Straßburg passiert ist, war ein peinliches Desaster.

Statt die ohnehin knapp bemessene Zeit zu nutzen — schlappe 70 Minuten waren angesetzt, um Zuckerberg zu dem millionenfachen Missbrauch von Nutzerdaten bei Facebook in die Mangel zu nehmen — haben die Parlamentarier sich in Selbstdarstellung verloren.

Da zitierte Gabi Zimmer, Vorsitzende der Linken-Fraktion, Goethes Zauberlehrling, Guy Verhofstadt, Fraktionsvorsitzender der Liberalen, verglich Zuckerberg mit einer Romanfigur von Dave Eggers, der britische Anti-Europa-Populist Nigel Farage beschwerte sich über den geänderten Facebook-Algorithmus und der französische Politiker Nicolas Bay vom Front National zeigte sich beleidigt, weil der Account der Jugendorganisation der Identitären Bewegung in Frankreich von Facebook blockiert wurde.

Dazwischen profilierten sich die Parlamentarier bevorzugt mit ihrem technischen Fachwissen oder kritisierten die Monopolstellung von Facebook, die es womöglich zu zerschlagen gelte. Konkrete Fragen wurden in den 60 Minuten, in denen die Parlamentarier sprachen, jedoch kaum gestellt.

Dass da hin und wieder ein verzagtes Grinsen über das Gesicht von Marc Zuckerberg huschte, kann man ihm angesichts dieses irrsinnigen Szenarios kaum verdenken. Vom Befragten wurde Zuckerberg zum Moderator der Anhörung — und wählte im Nachgang auf die Äußerungen der Parlamentarier Fragen aus, fasste Inhalte zusammen, setzte die Schwerpunkte so, wie sie seiner Argumentation dienlich waren. Und verwies nach rund 20 Minuten schließlich auf die überschrittene Redezeit, um die Veranstaltung kurzerhand selbst abzumoderieren.

Erst da leuchtete der versammelten Politikerschaft offensichtlich ein, dass die Rollen bei dieser Anhörung wohl irgendwie vertauscht waren. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani versuchte die Situation zwar noch zu retten und bat Zuckerberg um schriftlich nachzureichende Antworten auf die in der Anhörung nicht beantworteten Fragen — die Blamage für das Parlament machte das aber kaum wieder gut.

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