Aachen: Kommentiert: Der Schulz-Effekt

Aachen: Kommentiert: Der Schulz-Effekt

Deutschland hat Europa gewählt. Die Union bleibt stärkste Kraft, die SPD gewinnt nach ihrem Allzeittief 2009 deutlich hinzu.

Die FDP schwächelt weiter dramatisch, die AfD sitzt als neue politische Kraft nicht mehr im außerparlamentarischen Zuschauerraum, sondern positioniert sich klar sichtbar auf der politischen Bühne.

Die Union hat im Wahlkampf den Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei, Jean-Claude Juncker, nicht plakatiert, nicht in der ersten Reihe präsentiert und das Thema Spitzenkandidat lange regelrecht und bewusst verdrängt. Sie setzte lieber auf nicht kandidierende Regierungschefs: auf Angela Merkel und in Bayern auf Horst Seehofer. Juncker haben CDU und CSU offensichtlich nicht als Zugpferd empfunden. Das war die falsche Strategie. Eine Persönlichkeit wie Juncker hätte man nicht verstecken müssen. Zumindest der CSU ist das nicht gut bekommen: Ihr erstaunlich schlechtes Ergebnis stellt eine deftige Enttäuschung für die Christsozialen in Bayern und eine kaum erwartete Überraschung dieser Europawahl dar.

Selbstbewusste SPD

Selbstbewusster kann sich die SPD präsentieren, die in Deutschland mit Martin Schulz offensiv nach vorne preschte: Schulz erlebten wir auf allen multimedialen Kanälen. Das hat — durchaus seriös messbar — für die Sozialdemokraten einen positiven Effekt gehabt. Die SPD legte vor allem dank ihres Spitzenmannes aus Würselen kräftig zu: Es gab diesen deutschen Martin-Schulz-Bonus. Welchen Wert der für die Entscheidung über das Amt des Kommissionspräsidenten haben wird, ist natürlich noch völlig offen. Eine Bestätigung für seinen engagierten Wahlkampf ist das SPD-Ergebnis auf jeden Fall.

Die FDP wird nach ihrer Pleite bei der Bundestagswahl auch bei der Europawahl und bei der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl in die Bedeutungslosigkeit geschickt. Das Projekt Wiederaufbau ist grandios gescheitert. Viele ihrer Stammwähler haben diesmal die AfD bevorzugt.

Das Ergebnis in NRW

Besser ist die Stimmung bei der nordrhein-westfälischen CDU: Sie hat das Kommunalwahlergebnis stabilisiert, bleibt stärkste kommunale Kraft, und CDU-Landesvorsitzender Armin Laschet kann erst einmal aufatmen. Das mag die eigene Partei beruhigen oder vielleicht sogar motivieren. Bedeutung für die nächste Landtagswahl: noch keine.

Wie differenziert Wählerinnen und Wähler ihre Stimme einsetzen, kann man sehr schön an einzelnen Ergebnissen in unserer Region erkennen, etwa in der Städteregion Aachen. Da zieht bei der Europawahl der Schulz-Bonus und die SPD bekommt hier über 45 Prozent der Stimmen, bei der Wahl für den Städteregionstag und -rat liegt ihr Ergebnis dagegen jeweils mehr als zehn Prozentpunkte darunter. CDU-Spitzenkandidat Helmut Etschenberg ist da deutlich über der 40-Prozent-Marke, muss aber damit in die Stichwahl. Dass er, auch ein Zeichen für unterschiedliches Abstimmungsverhalten, ein viel besseres Ergebnis als seine Partei hat, hilft ihm in diesem ersten Wahlgang nicht.

Mehr von Aachener Zeitung