Kommentiert: Der Scharfmacher

Kommentiert: Der Scharfmacher

Es gibt diesen Spruch, der besagt, dass man nicht über jedes Stöckchen springen soll, das einem hingehalten wird. Was die jüngste Entgleisung des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland betrifft, so kann man jedoch nicht mehr von einem Stöckchen reden.

Das ist schon ein kolossaler Baumstamm, den Gauland den Opfern des Nationalsozialismus und den Demokraten in diesem Land vor die Füße legt. Gauland selbst würde wohl an eine deutsche Eiche, Symbol der Unsterblichkeit und Standhaftigkeit, denken. Im Übrigen ist es der neuerliche Beweis dafür, aus welchem Holz dieser Mann geschnitzt ist. Es ist morsch und stinkt.

„Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, hat Gauland die Parteijugend bei ihrem Bundeskongress wissen lassen. Wenn ein demokratisch gewählter Volksvertreter so etwas öffentlich bekundet, kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, das darf nicht unwidersprochen bleiben, selbst nicht auf die Gefahr hin, dass man die AfD wieder zum Thema macht und bloß unnötig aufwertet. Die Alternative hieße nämlich, wir schauen weg und schweigen.

Befreit von Verantwortung

Bis zu 80 Millionen Menschen sind dem Größenwahn Adolf Hitlers zum Opfer gefallen, sechs Millionen Juden wurden ermordet. Die Aussage Gaulands ist widerlich. Gauland selbst ist es! Selbstverständlich hat er den Satz nicht quantitativ gemeint; Gauland und seine Mitstreiter werden aber genau darauf abzielen und dummdreist fragen, was denn bitteschön falsch daran sei, wenn man behaupte, dass die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 im Vergleich zu den 988 Jahren im Grunde zu vernachlässigen seien. Was die reinen Zahlen angeht, ist das korrekt. Moralisch ist es aber verwerflich, weil es suggeriert, dass wir endlich damit aufhören sollten, uns intensiv mit dem Nazi-Regime und dessen Verbrechen auseinanderzusetzen.

Darum geht es im Kern: Gauland und ein Teil seiner Mitstreiter wollen dieses Land von der Verantwortung, die aus der deutschen Schuld erwächst, befreien und ihm wieder zur „wahren Größe“ verhelfen.

Das Lied der Deutschen

Dazu passt, dass die jungen AfD-ler bei ihrem Kongress einen Antrag verabschiedet haben, der vorsieht, dass in den Schulen des Landes demnächst „das Lied der Deutschen“ gesungen werden soll. Wohl gemerkt: Von der Nationalhymne war nicht die Rede. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ klingt ihnen zu bescheiden und ist nur etwas für jene, die ihr Land halbherzig lieben. Stattdessen also bald „Deutschland, Deutschland über alles“ noch vor der ersten großen Pause. Die jungen AfD-ler sind schon im Rausch. Der Vorsitzende hat sie befeuert.

Es ist nicht alles rund gelaufen in den vergangenen Jahren in diesem Land. Jemanden in die rechte Ecke zu stellen, nur weil er der Meinung ist, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung sei verfehlt, ist falsch. Jeder darf seine Sorgen in angemessener Form zum Ausdruck bringen, ohne gleich als Nazi abgestempelt zu werden. So viel Differenzierung muss sein.

Diese Erwartung geht aber auch in die andere Richtung: Wer Gauland und ähnliche völkische Scharfmacher beklatscht, dem müsste klar sein, was er damit tut. Wer kein Problem damit hat, der ist bei der AfD richtig. Wem die verbalen Unfassbarkeiten der Parteispitze aber zunehmend missfallen und wem womöglich etwas schwant, der muss die Konsequenzen ziehen.

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