Kommentiert: Der messbare Stau

Kommentiert: Der messbare Stau

Der Stau auf der Straße ist messbar. 500 Kilometer waren es am Montagmorgen im Berufsverkehr. Eine unglaubliche Belastung — für die Pendler und für die Umwelt.

Jeden Tag sind die Verkehrsnachrichten im Radio der beste Beweis dafür, dass NRW noch viel tun muss, um den Ruf als Stauland Nr.1 zu verlieren. Der zwingend notwendige Bau der neuen Leverkusener Brücke ist ein Baustein, um diesen täglichen Stau zu verringern.

Beim Thema Straßenbau wird getan, was möglich ist. Standstreifen sind dort, wo es geht, längst in Stoßzeiten für den Verkehr freigegeben. Am Grünstreifen wird meist außerhalb der Hauptverkehrszeit gearbeitet. Wie sehr der Investitionsstau angegangen wird, zeigt sich auch daran, dass ein Auslöser der Staus die vielen Baustellen auf den Autobahnen sind.

Für politischen Streit dient die marode Verkehrsinfrastruktur nicht. Zu viele verschiedene Regierungskonstellationen haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Ob Rot-Grün, Rot-Schwarz oder Schwarz-Gelb — da war alles dabei. Inzwischen haben Bund und Länder erkannt, dass die Infrastruktur nicht länger sich selbst überlassen werden darf, dass Brücken und Straßen saniert werden müssen. Nun müsste noch die Bahn etwas schärfer ermahnt werden, dass sie ihre Milliarden nicht nur in Leuchtturmprojekte wie Stuttgart 21 verbuddeln darf, sondern auch das ungeliebte Stiefkind Nahverkehr pflegen muss.

Es ist noch viel zu tun — und das so schnell wie möglich. Denn die Zahl der Pendler kennt nur einen Trend: den nach oben. Seit 2013 wächst in Nordrhein-Westfalen diese Zahl jährlich etwas stärker als die Zahl der Erwerbstätigen. Die räumliche Nähe zwischen Wohn- und Arbeitsort spielt eine immer geringere Rolle. Jeder zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte überschreitet inzwischen auf dem Weg vom Wohn- zum Arbeitsort mindestens eine Gemeindegrenze. In Aachen kommen 51,8 Prozent derer, die in der Stadt arbeiten, von außerhalb. Das sind über 62.000 Menschen. Nach Düren pendeln jeden Tag 31.000 Arbeitnehmer von außerhalb. Im NRW-Durchschnitt fahren Pendler 20 Kilometer zum Arbeitsort und abends wieder zurück. Und „Durchschnitt“ heißt eben auch, dass viele sehr viel länger unterwegs sind.

Der Druck für Verbesserungen im Verkehrsbereich ist hoch. Höher als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dort ebenso große Baustellen warten. Warum zum Beispiel ist in Estland die Verwaltung komplett digital, wir in NRW aber stehen bei einem simplen Umzug immer noch in der Schlange im Einwohnermeldeamt? Und Direktoren würden sich sicher freuen, wenn die fehlenden Investitionen an ihren Schulen durch einen Lernstau so messbar würden wie der Stau auf den Autobahnen. Dann wäre auch in der Bildung der Druck so hoch, wie er es beim Thema Verkehr längst ist. Nötig wär's.