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Kommentiert: Der Fall Jülich

Kommentiert: Der Fall Jülich

Jetzt also doch Ahaus. Schon vor zehn Jahren gab es den Beschluss, die Jülicher Castoren ins Münsterland zu verfrachten. Weil dort aber mit erheblichem Widerstand der Bevölkerung zu rechnen war, verzichtet man dann doch lieber.

Stattdessen gaben sich Bundes- und Landesregierung zu Beginn dieses Jahrzehnts der Illusion hin, den brisanten Müll gleich ganz außer Landes zu schaffen. Dieser Traum ist — auch wenn das offiziell so nicht gesagt wird — geplatzt. Nicht etwa, weil der unberechenbare Donald Trump inzwischen US-Präsident ist. Zu groß das Risiko, dass das deutsche Gesetz dem Transport im Weg steht, zu groß die Summe, die sich die Amerikaner für diese Dienstleistung zahlen lassen würden.

Kostbare Jahre sind also verschwendet worden. Jahre, in denen die öffentliche Skepsis gewiss nicht kleiner geworden ist. Jahre, in denen die Sicherheitsauflagen für eine Castorfahrt nach Ahaus noch einmal massiv verschärft wurden. Ein Handvoll Ministerien des Bundes und des Landes NRW haben sich durch ihre zögerliche Haltung in die missliche Lage manövriert, dass sie nun endlich Handlungsfähigkeit beweisen müssen. Denn gelingt es ihnen nicht, die Castoren auf die Reise zu schicken, machen sie Jülich ungewollt zu einer Art Endlager. Und das wäre von den möglichen Lösungen gewiss die schlechteste.

Noch einmal zur Erinnerung: Schon seit 2013 gibt es keine Genehmigung mehr für das Zwischenlager Jülich. 2014 sprach das NRW-Wirtschaftsministerium als Atomaufsicht eine unverzügliche Räumungsanordnung aus. 2018 ist man noch keinen Schritt weiter gekommen. Von welcher Autorität also ist eine Atomaufsicht, die nicht dazu in der Lage ist, ihre eigenen Anordnungen durchzusetzen? Die Frage hat so öffentlich noch keiner gestellt, weil die Antwort unangenehm ist.

Klar muss auch werden, dass es hier nicht nur um einen Jülicher Sonderfall geht. Insgesamt gibt es in Deutschland 16 Zwischenlager für radioaktiven Abfall, deren Genehmigung früher oder später innerhalb der nächsten vier Jahrzehnte erlischt. Länger als maximal 40 Jahre dürfen Zwischenlager nämlich nicht genehmigt werden. Gemessen an der Dauer, in der von dem radioaktiven Abfall in diesen Lagern noch Gefahr für Menschen ausgeht, ist das ein Wimpernschlag. Da ein Endlager vorsichtigen Kalkulationen zufolge erst in 70 bis 100 Jahren gefunden ist, braucht es einen Plan, was mit den hochradioaktiven Abfällen in der Zwischenzeit geschehen soll.

Aufgabe für alle

Verantwortlich sein für den Atommüll der Republik — dass sich um diese Aufgabe niemand reißt, ist verständlich. Es gibt wenig zu gewinnen und viel zu verlieren. Das ändert aber nichts daran, dass noch viele Generationen, mit unserem Abfall leben müssen. Insofern wäre der Umgang mit Atommüll eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Dass so viele Menschen heute diese Verantwortung ablehnen, liegt auch daran, dass ihnen diese Haltung von den Entscheidern in der Politik und in den Ministerien vorgelebt wird.