Kommentiert: Denkt an die Opfer

Kommentiert: Denkt an die Opfer

In den Medien — also auch an dieser Stelle — beginnen Gedanken darüber, dass Verbrechensopfer geschützt und betreut werden müssen, am besten mit einem selbstkritischen Blick auf die eigene Branche. Menschen, die Schlimmes erlebt haben, die sich bei einem Attentat retten konnten, die einen verheerenden Unfall oder ein tragisches Unglück erlitten haben, brauchen auf keinen Fall weitere Aufregung, sondern zunächst einmal Ruhe. Und Ruhe ist normalerweise nicht das, was Journalisten anstreben.

Trotzdem haben sie in solchen Fällen Abstand zu wahren, statt Nähe zu suchen. Sie haben nicht an Auflagenzahlen und Einschaltquoten zu denken, sondern ganz einfach an menschlichen Anstand. Wenn ein Betroffener von sich aus über das Geschehene reden will, kann man ihm sensibel und rücksichtsvoll Fragen stellen; dazu sollte man aber weder ihn noch Angehörige drängen. Opfer benötigen Mitleid und Fürsorge, die in der Regel nicht mit Kamera, Kugelschreiber oder Smartphone zu gewährleisten sind.

Tatsächlich aber werden fast nach jeder großen Katastrophe Mikrofone und Scheinwerfer rücksichtslos eingesetzt. Gerade vor zwei Wochen hat der Leiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen, deren Schüler, Lehrer und Eltern im Januar von einer tödlichen Messerattacke erschüttert wurden, in einem Interview von geradezu abstoßenden Szenen berichtet — nur ein Fall von vielen Grenzüberschreitungen, derer sich vor allem das Boulevard-Metier schuldig macht. Aber alle Smartphone-Nutzer, alle Medien — auch unsere Zeitung — haben immer wieder abzuwägen, wie nahe sie Augenzeugen, Überlebenden und Opfern kommen dürfen; auch wenn es sich um ein noch so aufsehenerregendes Ereignis handelt.

Rücksicht auf Betroffene heißt nicht, auf öffentliche Anteilnahme und Gedenken an die Opfer zu verzichten. Das muss und kann so geschehen, dass man niemandem zu nahe tritt und trotzdem emotional engen Beistand leistet. Auf jeden Fall haben Politik, Medien und die Gesellschaft generell darauf zu achten, dass nicht nur nach Motiven, Lebensumständen und Perspektiven der Täter gefragt wird. So wichtig das gerade für die Ermittlungen ist, die Opfer brauchen und verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit.

In erster Linie geht es darum, ihnen nach schweren Schicksalsschlägen schnell und einfühlsam zu helfen. Was die neue NRW-Opferbeauftragte Auchter-Mainz am Donnerstag berichtete, offenbart, dass viele Betroffene gar nicht wissen, dass es überhaupt Hilfsangebote gibt, geschweige denn, wie diese zu nutzen wären. Was der deutsche Wohlfahrts- und Sozialstaat bietet, kann sich materiell meist sehen lassen, ist häufig genug aber kompliziert, bürokratisch und aufwendig.

„Für Täter ist die Tat irgendwann verbüßt oder verjährt — für die Opfer nie“, hat Auchter-Mainz vor einiger Zeit gesagt. Das trifft den Kern der Sache.