Kommentiert: Den digitalen Schweinehund herausfordern

Kommentiert: Den digitalen Schweinehund herausfordern

Die eigenen Daten zusammenzuhalten, ist aufwendig. Resignation („Die wissen doch eh schon alles“), Bequemlichkeit („Alexa hat mir da schon mal eine Einkaufsliste zusammengestellt“) und Gleichgültigkeit („Ich hab doch nichts zu verbergen“) sind die neuen, digitalen Schweinehunde.

Es ist ja auch bequem. Neue Bekanntschaft? Schnell die Nummer eingetippt, zehn Sekunden später die erste Messenger-Nachricht verschickt. Da rückt der Gedanke an die Metadaten schon mal in den Hintergrund. Wer hat wann mit wem via App kommuniziert — es ist längst kein Problem mehr, solche Daten zu analysieren. Aber was ist schon dabei, wenn „die“ wissen, dass ich Dienstag um 7.57 Uhr eine Nachricht an Mutti verschickt habe — so interessant ist man selbst ja wohl nicht, dass irgendwer das wissen will. Oder?

Und praktisch ist es! Personalisierte Werbung, oft so treffsicher, dass man sich denken mag „Woher wissen die bloß, dass ich das will?“. Schließlich wusste man es bis vor wenigen Sekunden selbst noch nicht. Spaß macht es auch noch! Dann, wenn beim Einkaufen stolz die Karte zum Punktesammeln gezückt wird. Oder wenn das Fitnessarmband wild blinkend sein Lob aussendet, weil der Träger 150 Kalorien bei einer Herzfrequenz von 120 Schlägen pro Minute verbrannt hat.

Cool ist es außerdem allemal, wenn das Smartphone mit dem Fingerabdruck entsperrt werden kann. In Kalifornien probiert eine Burgerkette gerade etwas ähnlich Cooles: Bestellungen werden an einem Automaten aufgegeben, der das Gesicht scannt und diese Aufnahme dann mit vorherigen Bestellungen verknüpft. Ein Knopfdruck, und der Lieblingsburger mit extra Käse ist unterwegs, ganz ohne Vorauswahl. So einfach, so praktisch — ein Traum, oder?

Während George Orwell in seinem Bestseller „1984“ noch vom Zwang der Menschen, die sich einen Überwachungs-Fernseher in ihr Wohnzimmer stellen müssen, schreibt, haben wir inzwischen eine viel nervenschonendere Lösung gefunden: Wir machen es einfach freiwillig. Dass es Massenüberwachung geben könnte, das konnte Orwell sich vorstellen. Dass wir uns entsprechende Geräte dafür einfach so in die Wohnung stellen, vermutlich eher nicht.

Bei aller Bequemlichkeit lohnt es sich, ab und an innezuhalten. Warum verschenkt ein Unternehmen an Einkäufer Punkte? Weil es nett ist? Und warum eigentlich möchte die erste Krankenkasse nun eine Prämie an diejenigen Nutzer zahlen, die ihr bestimmte Daten ihrer Fitnessuhr zur Verfügung stellen? Selbst, wenn man meint, nichts zu verbergen zu haben — auf manches kann man gut und gern verzichten. Mit Sicherheit.

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