Kommentiert: Das falsche Signal

Kommentiert: Das falsche Signal

Es ist ein Sieg für die Eltern, aber eine Niederlage für die Privatsphäre. Nach dem Tod ihrer minderjährigen Tochter dürfen die Eltern nach Jahren des Rechtsstreits nun deren eingefrorenes Facebook-Profil einsehen. Sie können dann alle Bilder angucken, Nachrichten lesen und das digitale Verhalten ihrer Tochter nachempfinden. Schade!

Das Urteil setzt ein falsches Signal, denn digitale Privatsphäre sollte — sofern nicht polizeilich ermittelt wird — auch nach dem Tod gewahrt werden. Vor allem, wenn es um Nutzerkonten geht, die einem zumindest suggerieren, die Privatsphäre zu schützen. Der Bundesgerichtshof argumentiert, dass die Inhalte konto- und nicht personenbezogen sind. Wo kommen wir denn da hin? Müssen Soziale Netzwerke in Zukunft mit Gesichtserkennung arbeiten, damit die Nachrichten auch an den rechtmäßigen Empfänger gehen?

Der Nutzer hat immer die Wahl: Entweder teilt er die Inhalte mit der ganzen Welt, oder er schreibt Privatnachrichten. Niemand möchte, dass Dritte Unterhaltungen mitlesen; erst recht wollen 15-jährige Mädchen nicht, dass ihre Eltern alles über sie wissen. Schon das Telefonieren vor Mama kann in dem Alter unangenehm sein. Ich möchte bestimmen, wer etwas mithört, miterlebt und mitliest. Das sollte auch nach dem Tod gelten; selbst wenn dieser beabsichtigt war.

Dass in dem Fall vor dem BGH die Eltern das Passwort zu dem Account der Tochter hatten, erlaubt ihnen trotzdem nicht, dieses auch zu nutzen. Das wäre so, als hätte man den Schlüssel zu einem Tagebuch und dürfte es dann auch einfach lesen. Das ist Quatsch!

Es ist verständlich, dass die Eltern Klarheit über die Todesumstände haben wollen. Ein Abschiedsbrief hätte ihnen einen Hinweis geben können. Aber auch der Zugang zum Facebook-Profil ist keine Garantie, dass die Eltern die Wahrheit erfahren. Der Verlust bleibt in jedem Fall. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Erkenntnisse der digitalen Profil-Safari die Trauer sogar verschlimmern, weil jede Äußerung bis ins Letzte interpretiert wird, oder Lebensbereiche, die den Eltern nicht bekannt waren, plötzlich offenliegen. Die Tote hat keine Möglichkeit, sich zu erklären.

Jeder hat einen privaten Raum verdient, in dem er entscheidet, wer etwas weiß und wer nicht. Ob das Facebook sein muss, ist fraglich. Das Argument von Facebook, die Freunde hätten darauf vertraut, dass alles privat bleibt, ist deshalb richtig. Denn wollen wir in einer digitalen Welt leben, in der wir damit rechnen müssen, dass nach dem Tod eines Freundes Mama, Papa, Tochter oder Neffe alle Nachrichten bei Facebook, bei Whatsapp und alle Mails lesen können, die ich geschrieben habe? Nein!

In der digitalen Welt sind neue Möglichkeiten da — aber auch Probleme. Keiner setzt sich gern mit dem eigenen Tod auseinander. Doch genauso wie jeder Mensch eine Patientenverfügung haben sollte, müsste auch jeder sein digitales Erbe regeln.