Kommentiert: Berechtigte Kritik ist noch lange keine Zensur

Kommentiert: Berechtigte Kritik ist noch lange keine Zensur

Rap war schon immer Provokation. Vor allem in der Urform Battle-Rap geht es darum, dem Gegner mit besonders beleidigenden Reimen den Schneid abzukaufen. Da gab und gibt es kaum Tabus.

Deshalb ist die Kritik der Rapper Kollegah und Farid Bang berechtigt, dass eine Textzeile nicht dazu herhalten kann, einen so tiefgehenden Vorwurf wie Antisemitismus zu begründen. So geschmacklos die kritisierte Formulierung „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ auch ist, so wenig lässt sich mit ihr Judenfeindlichkeit belegen.

Weiten wir daher den Blick und schauen uns das „Gesamtkunstwerk“ etwa von Kollegah an. Als Reaktion auf die Vorwürfe veröffentlichte er ein gegen die „Mainstream-Medien“ gerichtetes Video. Er beklagt dort Hetze, weist alle Vorwürfe von sich und zeigt im selben Video eine klar antisemitische Karikatur, die inzwischen verfremdet wurde. Im Video zu seinem Song „Apokalypse“ geriert er sich als Weltenretter, der den Oberbösewicht besiegt, der einen Davidstern-Ring trägt. Und im Track „HS.HC“ des Kollegen PA Sports, der sich auch gegen den jüdischen Rapper Spongebozz richtet, löst Kollegah im Refrain das Titelkürzel als „Hurensohn Holocaust“ auf. Das sind dann schon mehr Belege.

Die Reaktion auf Kritik ist immer die gleiche: Kollegah spricht von einer medialen Hetzjagd. Er sei kein Antisemit, hätte sogar jüdische Freunde. Dabei ist die Frage nach seinem Antisemitismus gar nicht so relevant, weil man eine Gesinnung sowieso nicht verbieten kann.

Man kann aber sehr wohl das Handeln von Rappern beurteilen, die eine große Wirkung auf Jugendliche haben. Bei Kollegah, der sich für die Belange der Palästinenser einsetzt, ist das Problem, dass er öffentlich einen vollkommen undifferenzierten Blick auf den Nahost-Konflikt vertritt. Er vermengt berechtigte Kritik an der israelischen Regierung mit kruden antisemitischen Verschwörungstheorien vom Weltjudentum zu einer gefährlichen Mixtur, die in den Köpfen der Jugendlichen hängenbleibt. Damit steht er in der Musikszene übrigens nicht alleine da.

Und das muss man kritisieren dürfen. Die Echo-Jury sollte ernsthaft überlegen, ob so etwas preiswürdig ist. Interessant ist, dass Kritik vom Rap-Alphamann sofort als Zensur aufgefasst wird, was ein seltsames Diskursverständnis offenbart. Da wird Meinungsfreiheit als Meinungshoheit missverstanden. Ach, noch etwas: Provokation diente im Rap auch immer als Marketing-Instrument. Da haben Kollegah und Farid Bang ihre Hausaufgaben offensichtlich gemacht. Die Charts-positionen lügen nicht.