Kommentiert: Anspruchsvolles Erbe

Kommentiert: Anspruchsvolles Erbe

Joachim Gauck ist ein Bundespräsident, wie er sein soll, wie die Republik ihn benötigt: gewandt, gelassen, geschliffen, im besten Sinne des Wortes staatstragend.

Dass er keine zweite Amtszeit will, ist traurig, aber zugleich richtig. Zu gehen, wenn es allseits bedauert wird, gilt als vernünftig. Gauck hat seine Entscheidung gut und präzise begründet und damit erneut jene Souveränität bewiesen, die ihn auszeichnet.

Man wird diesen motivierenden und inspirierenden, politischen und konfliktfreudigen Präsidenten vermissen. Gauck ermutigt, nennt unermüdlich und ohne Pathos die Gründe, warum hierzulande kein Grund zur Verzagtheit besteht. Gauck hat im höchsten Staatsamt jene Würde ausgestrahlt, die es braucht und die sein Vorgänger leichtfertig verspielt hatte. Diejenigen, die nun Kandidaten suchen, müssen aufpassen, dass sie nicht ihrerseits den Nachfolger und dessen Renommee schon vorab beschädigen.

Jede einzelne Partei hat natürlich das Recht und hoffentlich gute Gründe, einen Kandidaten aus ihren Reihen zu präsentieren. Bei allem Sinn für strategische Klugheit und machtpolitische Signale: Die 2017 anstehende Bundestagswahl ist allerdings alles andere als ein überzeugendes Argument. Wer die Bundesversammlung benötigt, um politische Positionen oder Konstellationen zu befördern oder zu verhindern, verfügt offensichtlich nicht über ausreichende Argumente in der Sache. Man kann hart gegeneinander Wahlkampf führen und sich in einer übergeordneten Entscheidung wie der Wahl des Staatsoberhauptes dennoch verständigen. Das gilt zumal, da sich am Montag in den Reaktionen auf Gaucks Entscheidung gerade unter den Koalitionsparteien grundsätzliche Gemeinsamkeit widerspiegelte.

Der Bundespräsident soll, da sind sich die Parteien einig, zusammenführen, Mut machen und gute Perspektiven vermitteln. Das wäre — unter anderen — jenen beiden Kandidaten zuzutrauen, die jetzt aus CDU und SPD am häufigsten genannt werden. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat politische Unabhängigkeit, intellektuellen Scharfsinn und Gespür für die grundsätzlichen Erfordernisse der bundesrepublikanischen Demokratie bewiesen. Frank-Walter Steinmeier genießt höchstes Vertrauen über alle Parteigrenzen hinweg, verfügt über immense internationale Erfahrung, Integrität und Behutsamkeit.

Alle Mitglieder der Bundesversammlung könnten jeden der beiden mit gutem Gewissen wählen. Linke und AfD würden es wahrscheinlich trotzdem nicht tun. Sie haben sich auch am Montag bei der Würdigung von Gaucks bisheriger Amtszeit in bemerkenswerter Weise zurückgehalten. Das Plädoyer der Linken für einen rot-rot-grünen Kandidaten entspringt rein taktischem Kalkül, das mit dem Amt und dessen Erfordernissen überhaupt nichts zu tun hat.

Gauck trat 2012 ein schweres Erbe an, weil das höchste Staatsamt missbraucht worden war. Sein Nachfolger wird ein schweres Erbe antreten, weil der Vorgänger als Bundespräsident in jeder Hinsicht überzeugend ist.

Mehr von Aachener Zeitung