Kommentar zum Urteil im Missbrauchsfall Lügde

Kommentar zum Urteil im Missbrauchsprozess : Der Fall Lügde ist eine Zäsur

Der Missbrauchsfall Lügde wird wegen der unfassbaren Brutalität und Dimension der Verbrechen an Kindern lange im Gedächtnis bleiben.

Die erfahrene Richterin gab am Ende des Prozesses zu, an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Jeder Prozessbeteiligte habe furchtbare Bilder im Kopf. Doch Lügde ist mehr als das. Lügde stellt eine Zäsur in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Kindesmissbrauch dar.

Öffentlich fasste diese Zäsur NRW-Innenminister Herbert Reul in Worte. Reul ist Vorgesetzter der Behörden, die sich bei den Ermittlungen im Fall Lügde nicht mit Ruhm bekleckert haben. „Ich glaube, ich war typisch für viele in der Politik und in der Gesellschaft“, sagte Reul. „Wenn es früher mal um sexuelle Gewalt ging, sagten wir: Ja, das gibt es zwar, aber das sind doch Ausnahmefälle.“ Mittlerweile erkenne er einen Handlungsbedarf, den er vorher nicht gesehen habe.

Die Polizeibehörden wurden angewiesen, das eingesetzte Personal in diesem Deliktbereich mindestens zu verdoppeln. Die Situation der Jugendämter, deren Überlastung aber auch ihre mangelnde Kommunikation mit anderen, ist in den Blick gerückt. Und die Landesregierung hat eine Debatte über eine Strafrechtsverschärfung angestoßen. Denn hinter der massenhaft im Internet verbreiteten Kinderpornografie stehen massenhaft Einzelschicksale. Mit jedem Bild wird eine Kindheit, vielleicht sogar ein Leben zerstört. Doch wer diese Bilder besitzt oder verbreitet, kommt bislang meist mit einer Geldstrafe davon.

Lügde hat die Dimension des Problems gezeigt und die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt, wohin sie gehört: Wir schauen auf die Kinder –  auf jedes Kind, das Opfer wird, wenn wir wegschauen und der Staat seiner Schutzfunktion für die Schwächsten nicht nachkommt. Seit Lügde werden Beratungsstellen gegen sexualisierte Gewalt von Anfragen überrollt. Betroffene wagen es, das bislang Unausgesprochene zu sagen. Und sie trauen sich das, weil sie seit Lügde sehen, dass der Staat sich bemüht, sie zu schützen. Die Urteile im Fall Lügde, die schnell gefallen sind, sind ein Beweis dafür.

Der Fall Lügde gilt zu Recht als einer der größten Skandale der jüngeren Geschichte – vor allem, weil ein kollektives Behördenversagen dazu führte, dass die Täter ihre Opfer über Jahre hinweg peinigen konnten, obwohl es deutliche Hinweise auf ihre Straftaten gegeben hatte.

Mit der Verurteilung der Täter ist Lügde deswegen keineswegs beendet. Entscheidend wird sein, dass nach der Erkenntnis die richtigen Konsequenzen aus dem Skandal auch tatsächlich gezogen werden. Künftig werden wir von einer Zeit vor und einer nach Lügde sprechen. Und nach Lügde kann es nur heißen: mehr Prävention, mehr Personal, mehr Aufmerksamkeit.

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