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Kommentar zum Kohleausstieg

Dörfer in der Sackgasse

Dem Protest zum Trotz: Der Kampf für die Dörfer am Tagebau Garzweiler, also für Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath, ist gescheitert. FOTO: ZVA / Daniel Gerhards

Meinung Aachen Die Menschen in den bedrohten Erkelenzer Dörfern sind die Verlierer beim Milliardenpoker um den Kohleausstieg. Hambi bleibt, die Dörfer verschwinden im Loch. Das ist eines der Ergebnisse, die nun in Berlin verhandelt worden sind.

Die Verlierer des Fahrplans raus aus der Kohle stehen fest: Es sind die Bewohner der Dörfer am Tagebau Garzweiler, die mit allen Mitteln für den Erhalt ihrer Heimat kämpfen. Die Hoffnung, die ihnen eine schwammige Formulierung im Abschlusspapier der Kohlekommission ließ, ist nun wie eine Seifenblase zerplatzt. Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath sollen für den Tagebau abgebaggert werden. Das ist eigentlich schon lange beschlossene Sache. Aber jetzt schwindet die Hoffnung, das noch einmal zu verhindern, immer mehr.

Am Ende des Ausstiegsfahrplans steht das Aus für die Bergbau-Ära in unserer Region. Das ist ein harter Einschnitt, der jedoch auf den klimapolitisch richtigen Weg führt. Generationen von Kumpels haben davon profitiert, dass in der Region Kohle abgebaut wurde. Unter Tage auf Anna in Alsdorf, Sophia-Jacoba in Hückelhoven oder auf Emil Mayrisch in Siersdorf. Die Kohle in Garzweiler, Hambach und Inden lässt sich nur in einer offenen Grube fördern. Aber egal, ob Braun- oder Steinkohle, egal, ob unter oder übertage – die Kohle hat vielen tausend Menschen Arbeit gegeben. Eine harte Arbeit, aber eine Arbeit, von der die Bergleute gut leben konnten.

Nun ist es höchste Zeit, dass diese Epoche endet. Das ist nötig, weil die schlimmsten Folgen des Klimawandels verhindert oder zumindest herausgezögert werden müssen. Und das ist möglich, weil es heute andere Wege gibt, Energie zu gewinnen. Das ist weniger emotional als der Bergbau. Unter dem Windrad singt niemand das Steigerlied.

Für die Energiegewinnung der Zukunft sind jedoch längst noch nicht alle Weichen gestellt. Der Kohleausstieg muss dazu führen, dass Beschränkungen für Solar- und Windenergie aufgehoben werden. Das gilt vor allem für Abstandsregelung für Windräder. Auch das kann schmerzhaft sein, wenn sich Anwohner von den riesigen Anlagen gestört fühlen. Aber ein hochentwickeltes Land wie Deutschland muss in der Lage sein, aus eigener Kraft genug Energie zu produzieren, auch für Industrien, die sehr viel davon verbrauchen.

Ebenso sind beim Strukturwandel noch zentrale Fragen offen. RWE hat angekündigt, 6000 Stellen in der Braunkohle bis 2030 abzubauen. Entscheidend ist, ob NRW die 15 Milliarden Euro aus Berlin für das Erste-Klasse-Ticket raus aus der Kohle dafür einsetzt, dass neue, hochwertige Industriearbeitsplätze entstehen. Die Bergleute werden in Zukunft nicht an einem Jülicher Forschungscluster arbeiten können. Und neue Straßen, die mit den Strukturmilliarden finanziert werden, schaffen erst einmal keine nachhaltige Wertschöpfung in der Region.

Reaktionen zum Kohlekompromiss FOTO: dpa/Oliver Berg

Für die Kohlegegner aus den Erkelenzer Döfern endet die Fahrt in einer Sackgasse. Sie wollen darum kämpfen, dort wieder herauszukommen. Das heißt, dass die Proteste wohl zunehmen werden – in Dimension und Intensität. Wenn die Kirchen, die Häuser und die Wiesen am Ortsrand das nächste Widerstandssymbol der Kohlegegner werden, könnten die Dörfer der nächste Hambi werden.

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