Katastrophe in Textilfabrik: Zivilprozess gegen KiK in Dortmund

Kommentar zur Billigproduktion von Kleidung : Nicht länger wegschauen!

Die Umstände, unter denen Textilien in Südasien produziert werden, sind menschenunwürdig. Doch der Verbraucher sieht nur den niedrigen Preis. Jetzt lassen uns Überlebende und Angehörige einer Katastrophe in Pakistan nicht länger wegschauen. Sie klagen gegen KiK.

Drei Euro für ein T-Shirt, zwölf Euro für eine Jeans, und wenn wir die gleiche Summe noch mal drauflegen, gibt es eine Winterjacke dazu. Wir reden da längst nicht nur von den Schnäppchen vom Wühltisch, sondern vom bitteren Alltag. Bitter deshalb, weil die Umstände, unter denen Textilien mehrheitlich produziert werden, menschenunwürdig sind. Sie stammen vornehmlich aus Pakistan, Indien oder Bangladesch – südasiatische Länder mit extrem niedrigem Lohnniveau und ohne jeglichen Arbeitsschutz.

Wer dort unangemeldet in eine Textilfabrik kommt, wird in den dicht besetzten Reihen auch Kinder sehen, die an den Nähmaschinen sitzen. Der Verbraucher aber in Deutschland oder anderswo in der westlichen Welt sieht lediglich den niedrigen Preis. Von den Missständen bekommt er nur etwas mit, wenn mal wieder die Nachricht eines Unglücks die Runde macht. So wie im Jahr 2012, als am Rande der Millionenstadt Karatschi die Textilfabrik Ali Enterprises Feuer fing und 259 Menschen verbrannten. Oder als im April 2013 der Betonklotz Rana Plaza einstürzte und 1137 Arbeiter in den Trümmern starben.

Wenn wir ehrlich sind, wollen wir davon gar nichts wissen, denn es trübt das Glücksgefühl beim Einkauf. Jetzt aber lassen uns Überlebende und Angehörige aus Pakistan nicht länger wegschauen. Sie klagen gegen den Textildiscounter KiK, weil der als Hauptkunde von Ali Enterprises mitverantwortlich gewesen sei für den miserablen Brandschutz. So zumindest lautet der Vorwurf.

Der Beginn für ein Umdenken

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kläger vor dem Dortmunder Landgericht Recht bekommen, ist nicht sehr hoch. Dennoch sollte der erste Zivilprozess dieser Art der Beginn für ein Umdenken in der Branche sein. Bislang schieben sich alle Beteiligten genüsslich den Schwarzen Peter zu. Die Mittelständler in Deutschland verweisen darauf, keine Eingriffsmöglichkeiten zu haben, die Konzerne beklagen den Preiskampf, der Handel erinnert an seine geringen Margen und die Fabrikanten zeigen mit dem Finger auf die Konzerne, die nur wenig für ein T-Shirt bereit seien zu zahlen.

Daran hat auch das Bündnis für nachhaltige Textilien nichts geändert, das 2014 auf Initiative von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) unter dem Eindruck der Katastrophe von Dhaka ins Leben gerufen wurde. Die teilnehmenden Unternehmen, denen übrigens auch KiK angehört, verpflichteten sich damals zu sozialen und ökologischen Mindeststandards in der Produktion. Leider musste Müller schnell einsehen, dass sich die großen Modefirmen nichts vorschreiben lassen. Sie legen lieber eigene Maßnahmenkataloge vor. Textilfirmen werben damit, dass unterschiedliche Vereinigungen in den USA und Europa ihre Lieferanten zum Beispiel auf Brandschutz und Gebäudesicherheit überprüfen – und dabei völlig unterschiedliche Maßstäbe ansetzen.

Die Realität sieht anders aus als die Verbraucher glauben

Öffentlichkeitswirksam werden Verträge mit Gewerkschaften unterschrieben, die ein Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit und die Gründung von Gewerkschaften und Tariflöhnen sicherstellen sollen. Um das alles dann mit dem Etikett fair und nachhaltig produzierter Textilien zu garnieren – immerhin ist es chic, faire Mode anzubieten. Und der Verbraucher glaubt es, obwohl die Realität ganz anders aussieht.

Sicher, in einer globalisierten Branche wie der Textilindustrie ist es naiv zu denken, es lasse sich eine lückenlose Überwachung sämtlicher Produktionsstufen von der Baumwollernte bis zum fertigen Produkt erreichen. Es ist genauso naiv zu glauben, beim Kauf teurer Textilien komme mehr bei der Näherin an. Teure Labels, die nur geringe, qualitativ hochwertige Stückzahlen ordern, binden in den Fabriken Kräfte, so dass die Massenproduktion dann an miese Subunternehmen ausgelagert wird.

Trotzdem ist es wichtig, dass die Politik Forderungen an die Adresse der multinationalen Handelsunternehmen formuliert. Denn diese geben Produktionsmengen, Lieferfristen, Preise und Qualitätsstandards vor und sind damit in letzter Konsequenz verantwortlich für ihre Zulieferer vor Ort. Zugleich sollte die Europäische Union zumindest über Minimalstandards für Einfuhren nachdenken. Auch wir Verbraucher dürfen uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Nachfragen, bewusst kaufen und auch mal liegen lassen, lautet da die Devise.

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