Karlspreisträger António Guterres setzt voll auf die Jugend

Kommentar zum Karlspreis 2019 : Aachener Mutmacher

António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN), ist in Aachen mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet worden. Er würdigt als Preisträger auf sympathische Art und Weise den Preis. Beim Thema Klimawandel setzt er voll und ganz auf die Jugend.

„I‘m not afraid (Ich habe keine Angst).“ Dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen einen gewissen Grundoptimismus verbreiten muss, ist eine Sache. Man sollte das nicht überbewerten, weil es doch ein Teil seiner Stellenbeschreibung ist. Was wäre das auch für eine Botschaft, wenn António Guterres sagen würde, er habe den Glauben daran verloren, dass die Menschheit in der Lage ist, die aktuellen Krisen dieser Welt zu meistern? Zumal der Mann 70 Jahre alt ist und selbst bei einem ungewöhnlich langen Leben die derzeit prognostizierten Klimakatastrophen möglicherweise gar nicht mehr erleben wird. Nach mir die Sintflut – und das sogar im wörtlichen Sinne – ist nicht sein Motto.

„I‘m not afraid.“ Eine andere Sache ist es, den Karlspreisträger 2019 zu erleben, wie er diese Worte auf der Aachener Katschhofbühne sagt. Und vor allem: zu wem. Es sind die jungen Menschen, die neben ihm stehenden Gewinner des Jugendkarlspreises, die er anspricht, denen er Mut machen will. Und wenn er sagt, es gehe nicht um ihn und seinen Karlspreis, weil das gar nicht so wichtig sei, sondern um sie und den Jugendkarlspreis, dann nimmt man ihm das glatt ab. Guterres ist von sympathischer Bescheidenheit und Sachlichkeit. Dieser Karlspreisträger ehrt tatsächlich den Preis und nicht umgekehrt.

Das Klima. Immer wieder das Klima. Kein Thema hat diesen Karlspreis so bestimmt wie dieses. Selbst der Bischof beginnt sein Hochamt im Dom mit der Sorge um das Klima, indem er sagt, dass es keinen Planeten B gibt. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp, der im Krönungssaal eine bemerkenswert gute Rede hält, setzt ebenfalls voll und ganz auf das Thema der Stunde („Der Jetstream kümmert sich nicht um Grenzen“). Und dann ist da noch der Karlspreisträger selbst, der in seiner Dankesrede zwar dann auch über Multilateralismus, Populismus und Europa redet, ansonsten aber keine Gelegenheit auslässt, um klarzumachen, dass die Bekämpfung des Klimawandels das Gebot der Stunde ist.

Es ist in der Tat erstaunlich, wie rasant das Thema Klima in den vergangenen Monaten auf Platz eins der politischen und gesellschaftlichen Agenda geschnellt ist. Fast könnte man meinen, dass es bis vor kurzem gar kein Klima gab. Diesen Eindruck verstärkte beim Karlspreisforum die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, als sie einräumte, dass „ihre“ Volkspartei gerade auch während des Europa-Wahlkampfes keine Antworten auf die drängenden Fragen zum Thema Klimawandel habe geben können. Könnte das vielleicht daran liegen, dass man das außergewöhnliche Engagement einer 16-jährigen Schwedin und deren Anhänger schlichtweg unterschätzt hat? Die jungen Menschen stellen nun mal diese Fragen. Und sie verlangen nach Antworten. Und sie tun es zu Recht. Und sie werden hoffentlich nicht aufhören damit.

Der frisch gekürte Karlspreisträger nimmt sie nicht nur ernst, sondern er nimmt sie sogar in die Pflicht, denn er weiß, dass es fatale Folgen hätte, wenn die Jungen den Erwachsenen nicht weiter ordentlich Druck machen würden. Guterres ermutigt die Jugendlichen, für ihre Zukunft auf die Straße zu gehen. Niemals würde er despektierlich von Schulschwänzern reden. Der unbedingte Glaube an die Kraft dieser jungen Menschen, das ist das eigentliche Signal, das vom Karlspreis 2019 ausgeht.

Am Ende zählen einzig und allein realpolitische Entscheidungen. Das ist leichter gesagt als getan. Guterres selbst wird es im September beim Klimagipfel in New York wieder erleben. Zwar hat er die Vertreter der teilnehmenden Staaten eindringlich gebeten, nicht Reden, sondern konkrete Pläne vorzulegen, doch mehr als eine Bitte war das nicht. Man wird sehen, ob Putin und Trump der Bitte nachkommen. Und wenn nicht? Was dann? Dann wird er weiter machen. Nicht nachlassen. Dieses Versprechen hat er in Aachen gegeben.

Man wundert sich, wie schnell die Themen kommen und gehen. Letztlich war die Aktualität der Klimadebatte für die Verleihung fast ein Glücksfall. Deutlichen Rückenwind hat sie dem Karlspreis definitiv gegeben.

Rückenwind aus Berlin gab es indes nicht. Dass die Bundesregierung trotz Anwesenheit des spanischen Königs Felipe und der Tatsache, dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen mit dem Karlspreis ausgezeichnet wird, durch kollektive Abwesenheit glänzte, ist schlichtweg respektlos. Auch der Karlspreisträger und Lokalmatador Martin Schulz war nicht da. Der hatte sicherlich keine Lust, sich von jedem Zweiten auf die aktuellen Entwicklungen in „seiner“ SPD ansprechen zu lassen. Dafür kann man sogar Verständnis haben.

„I‘m not afraid. Ich habe keine Angst.“ Es klingt zwar nicht ganz so wie „I have a dream (Ich habe einen Traum)“, doch es geht in die Richtung. Wer auf die Jugend hört und in der Lage ist, die entsprechenden politischen Konsequenzen daraus abzuleiten, dem muss nicht Bange sein. António Guterres ist ein Karlspreisträger, der Mut macht. Und Sarah Penge (Italien), Yannika Ronqvist (Finnland) und Canan Yasar (Österreich) tun das auch. Es sind die drei Vertreter der Gewinner des diesjährigen Jugendkarlspreises. António Guterres würde sehr viel Wert darauf legen, dass sie hier Erwähnung finden.

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