Karlspreis für UN-Generalsekretär Guterres ist eine passende Wahl

Kommentar zu Karlspreis : Preisträger in Zeiten der Ratlosigkeit

António Guterres ist ein würdiger Karlspreisträger. Dennoch will die Wahl des Direktoriums nicht so recht zünden. Das ist aber wahrscheinlich ein Zeichen der Zeit.

Das Klagen über den Preisträger ist vermutlich so alt wie der Karlspreis. Es gibt wohl keinen Kandidaten, den alle uneingeschränkt gut finden. Das liegt in der Natur der Sache und sollte das Direktorium nicht beunruhigen. Ganz im Gegenteil, man kann es als Aufgabe des Karlspreises empfinden, die Debatte über Europa und die europäische Integration zu forcieren. Und zwar nicht nur bei den geladenen Gästen und Honoratioren, sondern im besten Fall bei allen Europäern. Das funktioniert mit einem (populären) Preisträger, zu dem jeder eine (positive oder negative) Meinung hat, deutlich besser. Deshalb war der französische Präsident Macron 2018 auch eine gute Wahl, selbst, wenn man seine politische Idee von Europa nicht teilt. Das Thema erhielt Aufmerksamkeit und wurde breit und kontrovers diskutiert.

Der neue Karlspreisträger musste in Sachen Popularität und Debattenzugkraft hinter Macron abfallen, weswegen das Direktorium nicht zu beneiden war und sich durchaus schwertat, wenn man den Wasserstandsmeldungen Glauben schenken darf. Nun ist es also UN-Generalsekretär António Guterres, den man von der Papierform her einen würdigen Preisträger nennen darf. Oberster Repräsentant der Vereinten Nationen, der in seinen zehn Jahren als UN-Flüchtlingskommissar nicht nur salbungsvoll geredet, sondern auch tatkräftig angepackt hat, etwa indem er tiefgreifende Reformen des UNHCR durchsetzte. Guterres, dem zahlreiche Vorschusslorbeeren zuteil wurden, weil er bekennender Multilateralist ist und sich stets gegen Rassismus, Populismus und Nationalismus ausgesprochen hat. Und auch Guterres, der jüngst auf der Klimakonferenz deutliche Worte zum Klimawandel gefunden hat („Frage von Leben und Tod“).

Kleinster gemeinsamer Nenner?

Passt schon, könnte man also sagen, und dennoch will diese Wahl des Karlspreisdirektoriums nicht so recht zünden. Hätte man sich doch ausgerechnet in dem Jahr, in dem der Brexit (sehr wahrscheinlich) vollzogen und die bislang wichtigste Europawahl stattfinden wird, eine Entscheidung mit mehr Chuzpe gewünscht. Einen Preisträger, der nicht nur quasi über Eck etwas für die europäische Einheit getan hat, sondern ganz konkret „dem Zusammenwachsen unseres Kontinents, der Überwindung der Grenzen und der Freundschaft der europäischen Völker“ verpflichtet ist. Einen Preisträger, der so etwas wie einen europäischen Ruck auslösen könnte. Einen Preisträger, der mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner des Karlspreisdirektoriums.

Vielleicht ist aber genau das das Problem dieser Tage. Dieser naive Glaube, dass es den einen richtigen Preisträger gibt, der allen EU-Skeptikern auf einen Schlag klarmacht, dass sie mit ihrer grundsätzlichen Kritik der europäischen Integration irrlaufen. Denn wenn man ehrlich ist, herrscht im Jahr des Brexits eine deutliche Ratlosigkeit bei Europa- und EU-Freunden. Wie verhalten wir uns angesichts der Tatsache, dass die Briten nicht mehr dazu gehören wollen? Wie positionieren wir uns gegenüber den Demokratiefeinden aus unseren eigenen Reihen? Wie gehen wir als Kontinent und als EU mit dem twitternden und polternden US-Präsidenten Trump um?

Verhalten im Fall Kashoggi

Fragen, auf die es keine einfachen Antworten geben kann, schon allein, weil die EU diesbezüglich uneins auftritt. Vielleicht ist Guterres deshalb gerade jetzt der passende Preisträger. Steht er doch einer Organisation vor, die ungleich zerstrittener ist als die Europäische Union. In der Demokraten mit Diktatoren diskutieren und zu Ergebnissen finden müssen und in der die Frage nach dem Umgang mit Trump noch viel drängender ist, weil die USA UN-Mitglied sind. Eine Organisation, in der es noch schwieriger ist, so etwas wie gemeinsame Werte zu definieren und vor allem an ihnen festzuhalten. Eine Organisation, in der die Wertefrage mitunter zurückgestellt wird, um im Gespräch zu bleiben und etwas bewegen zu können. So wurde Guterres etwa vorgeworfen, den USA nicht genügend Kontra zu geben und im Fall des getöteten Journalisten Kashoggi vor dem reichen Saudi-Arabien gekuscht zu haben.

Vielleicht geht der Karlspreis 2019 genau deshalb an Guterres. Weil er zeigt, wie schwierig, unangenehm und unbequem das Einstehen für westliche Werten in dieser Welt und in diesen Zeiten sein kann. Wenn es um diese Fragen im Mai in Aachen eine ehrliche, lebhafte und kontroverse Debatte gäbe, hätte das Direktorium alles richtig gemacht.