Julia Klöckner erregt mit einem werblichen Video die Gemüter

Kommentar zu Julia Klöckner : Vorsicht Video

Seit der „Ibiza-Affäre“ um den ehemaligen österreichischen Außenminister Hans-Christian Strache wissen wir, dass ein Video-Clip binnen weniger Stunden eine politische Karriere zerstören kann.

Und wie sehr ein einziges Video eine Partei wie die CDU in Verlegenheit bringen kann, hat der Auftritt des YouTubers Rezo eindrucksvoll bewiesen. In jüngster Zeit ist oft von Videos die Rede und davon, welche Wirkung sie in der breiten Öffentlichkeit entfalten können.

Dass Bewegtbilder einen gewissen Reiz ausüben, ist keine neue Erkenntnis. Wie machtvoll sie sind, scheint sich in diesen Tagen nachhaltig zu manifestieren. Es muss einem nicht gefallen, doch von der Hand zu weisen ist es nicht mehr: Das gefilmte Wort wiegt häufig mehr als das geschriebene.

Ist diese Erkenntnis tatsächlich noch nicht bis zu Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) durchgedrungen? Man wundert sich jedenfalls, dass ein Politprofi wie sie nun ebenfalls in die Videofalle getappt ist. Sehenden Auges wohlgemerkt, von versteckten Kameras kann nicht die Rede sein. In einem Video steht Klöckner gemeinsam mit dem Chef von Nestlé Deutschland vor der Kamera und spricht von „weniger Zucker, weniger Salz, weniger Fett in den Produkten“, „die die Bürger gerne mögen“.

Die Ministerin tritt als Fürsprecherin für eine Marke auf; so etwas nennt man Sponsoring. Da spielt es keine Rolle, dass Klöckner für diesen Auftritt von Nestlé nicht bezahlt wurde, was ja auch noch schöner wäre. Fakt ist, dass hier eine prominente Politikrein Werbung für ein Unternehmen macht. Das geht gar nicht. Oder wie Rezo sagen würde: Das ist ein No-Go!

Klöckners Reaktion auf die Angriffe gegen sie ist wenig überraschend, schon gar nicht souverän. Ihre Kritiker, die auch aus den eigenen Reihen kommen, nennt sie „Hatespeaker“ (Hassredner). Doch so einfach darf es sich eine Bundesministerin nicht machen. Hier geht es nicht um einige pöbelnde Stimmen in den Sozialen Medien, die man nicht ernst nehmen muss.

Hier geht es um mehr: um die fehlende Distanz einer Politikerin zu einem Unternehmen. Deshalb ist dieser Vorgang keine Lappalie, und Klöckner weiß das. Sie müsste die Größe haben und einräumen, dass ihre Rolle in dem Video sehr unvorteilhaft ist. Niemand ruft nach ihrem Rücktritt. Aber Einsicht wäre das Mindeste.

Während das Video der Ministerin gar nicht gut zu Gesicht steht, hat sich ihr Auftritt für Nestlé längst gelohnt. Eine raschere Verbreitung hätte sich das Unternehmen jedenfalls kaum wünschen können, und das, ohne einen Cent zu zahlen, sieht man von den Produktionskosten ab. Die Kritiker müssen mit dem Vorwurf leben, dass sie die öffentliche Diskussion erst befeuert haben und mitverantwortlich sind, dass das Video viral geht.

Damit ist gemeint, dass sich ein Videoclip im Internet schnell und ohne größere Einwirkung des Video-Urhebers verbreitet. An die neuen Gesetzmäßigkeiten im digitalen Zeitalter müssen sich offensichtlich alle gewöhnen. Viel Raum für Naivität bleibt nicht.

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