Jürgen Klopp und das Wunder von der Anfield Road

Kommentar zum FC Liverpool : Wenn der Glaube Berge versetzt

Der FC Liverpool und sein Trainer Jürgen Klopp haben beim sensationellen 4:0 gegen den FC Barcelona Fußballgeschichte geschrieben. Entscheidend für den Erfolg war der bedingungslose Glaube an die eigenen Stärken.

Es soll ja Menschen geben, die können dem, was sich am Dienstagabend an der Anfield Road in Liverpool abgespielt hat, partout nichts abgewinnen. Menschen, die grundsätzlich nichts anzufangen wissen mit dem Thema Fußball, die den ganzen Zinnober, der um erwachsene Männer gemacht wird, die gegen einen Ball treten und dafür horrende Gehälter kassieren, geradezu albern, ja lächerlich finden. Man kann das alles so sehen. Und man muss die Entwicklung, die der Profifußball nimmt, tatsächlich auch kritisch betrachten und sollte die Dinge nicht nur schön reden. Wozu gehört, dass das Spiel zwischen dem FC Liverpool und dem FC Barcelona nicht im öffentlichen Fernsehen übertragen wurde, sondern nur gegen Bezahlung bei den hinlänglich bekannten Anbietern.

Doch bei aller Kritik: Man möchte all denen, die die 90 Minuten plus Nachspielzeit nicht erlebt haben, weil sie es aus Überzeugung oder Desinteresse nicht wollten, zurufen, dass sie gar nicht wissen, was sie verpasst haben. Mehr Emotion, Energie und Spannung ist kaum möglich. Und wo, wenn nicht beim Fußball, kann man so etwas erleben?

So abgedroschen es auch klingen mag: Es gibt Geschichten, die nur der Fußball schreibt, Momente, über die die Menschen noch in einhundert Jahren reden werden. Am Dienstagabend hat es einen solchen Moment wieder einmal gegeben, als der 20-Jährige Trent Alexander-Arnold aus einer ganz gewöhnlichen Ecke ein Ereignis für die Ewigkeit gemacht hat. Schlitzohrig tat dieser junge Kerl so, als wolle er die Ausführung der Ecke einem Kollegen überlassen, drehte schon ab, um dann doch blitzschnell zur Eckfahne zurückzukommen und den Ball vorbei an den völlig verdutzten Abwehrspielern des FC Barcelona mustergültig vor die Füße des Kollegen Origi zu spielen, der zum 4:0 verwandelte. Wie frech war das denn bitteschön? Wer gedacht hatte, dass er bis zu dieser 79. Minute schon alles erlebt hat im Fußball, der wurde spätestens da eines Besseren belehrt.

Liverpools Trainer Jürgen Klopp, der während und nach dem Jahrhundertspiel für seine Verhältnisse geradezu ruhig wirkte, fand nachher kaum Worte. Er habe, sagte Klopp, tatsächlich nicht damit gerechnet, dass seine Mannschaft das Ding nach der 0:3-Schlappe aus dem Hinspiel noch drehen könne. Doch wenn es überhaupt eine Mannschaft schaffen könnte, dann seine. Das mag ein bisschen überheblich klingen, trifft aber wohl den Kern: Klopp hat aus einer Mannschaft, die keineswegs gespickt ist mit Überspielern, eine Einheit geformt, deren Stärke es ist, dass sie bedingungslos an sich glaubt. Das Shirt mit der Aufschrift „Never give up“ (Gib niemals auf), das der verletzte Superstar Mohamed Salah am Dienstagabend trug, war kein nettes Accessoire, sondern sichtbarer Ausdruck einer festen Überzeugung. Dieses Team spielte tatsächlich in dem Glauben, das Fußballwunder noch schaffen zu können.

Klopp selbst steht wie kaum ein anderer für das Prinzip der Hoffnung, die man nie aufgeben sollte. Immer wieder betont er, wie viel Kraft er dabei als Christ aus seinem Glauben zieht. „Meine absolute Grundfeste, mein absoluter Stabilisator ist mein Glaube“, hat er einmal in einem Interview gesagt. Natürlich will auch er gewinnen, natürlich will auch er nach dem Finale der Champions League am 1. Juni seinen ersten Titel mit dem FC Liverpool bejubeln. Doch gewinnen ist für Klopp nicht alles, er sagt, dass es wichtigere Dinge gibt im Leben. Dass er sich am Spielfeldrand mitunter gehen lässt, ist kein Widerspruch dazu, wobei der 51-Jährige in letzter Zeit zurückhaltender rüberkommt. Da ruht einer in sich selbst, einer, der weiß, dass er nur aus der Ruhe Kraft schöpft. Es scheint, als hätten auch seine Spieler das verstanden.

Der Glaube, so sagt man, kann Berge versetzen. Der Glaube an sich selbst und der Glaube in einem religiösen Sinne. Vielleicht ist es mit dem Glauben ja ein bisschen wie mit dem Fußball. All denen, die so gar nichts damit anzufangen wissen, möchte man zurufen, dass sie möglicherweise nicht ahnen, was sie verpassen.