Homöopathie wirkt, aber anders als man glaubt

Kommentar zur Homöopathie : Teurer Zucker

Homöopathische Mittel enthalten nachweislich keinen Wirkstoff und sollten deshalb nicht von der Kasse gezahlt werden. Dennoch kann sich die Schulmedizin etwas abschauen.

Nicht jeder Quatsch muss verboten werden. Wer an die Wirkung von Homöopathie glaubt, hier liegt die Betonung auf dem Wort Glauben, der soll sich Globuli einverleiben. Es wäre auch nichts dagegen einzuwenden, Kassen die Kosten für derartige Mittel tragen zu lassen, wenn unser Gesundheitssystem im Geld schwimmen würde.

Das tut es aber nicht. Zum Prinzip des Solidarsystems Krankenversicherung gehört zwangsläufig, dass permanent die Frage gestellt werden muss, welche Leistungen von der Gemeinschaft gezahlt werden und welche eben nicht. Deshalb ist es nicht zu vermitteln, dass manche Krankenkassen für Mittel zahlen, deren Wirksamkeit seit 200 Jahren nicht nachgewiesen werden kann, während wirkungsvolle Medikamente oder Hilfsmittel – wie beispielsweise Brillen – nicht oder nur in Teilen bezahlt werden. Da hilft auch die Argumentation nicht, dass der Posten für Homöopathie innerhalb der Gesamtausgaben für Medikamente recht gering ist.

Bliebe die Frage, warum die Homöopathie so beliebt ist? Warum erfreut sich ein Mittel, das nachweislich keinen Wirkstoff enthält, sondern lediglich eine durch Verdünnen und Schütteln übertragene „Information“, derartig großer Popularität, besonders übrigens in gutbürgerlichen und eben nicht in bildungsfernen Schichten?

Hier dürften zwei Faktoren wirken. Zum einen ist der Erfolg auf die Renaissance der Naturheilkunde zurückzuführen, von der die Homöopathie profitiert. Dem liegt der Irrglaube zugrunde, Homöopathie sei sanfte Pflanzenmedizin. Das ist sie nicht. Während etwa eine nichthomöopathische Arnika-Salbe durchaus hilfreich und wirkungsvoll bei Prellungen ist, enthalten die sehr beliebten Arnika-Globuli wegen der Verdünnung eben keinen Pflanzen-Wirkstoff mehr.

Hinzu kommt, dass sich die Homöopathie-Unternehmen erfolgreich als Gegenspieler zur „bösen Pharmaindustrie“ positionieren konnten. Nun könnte man über große Pharmaunternehmen sicherlich viel Schlechtes sagen, die Entwicklung lebensrettender Medikamente sollte aber nicht dazu gehören. Und wer die Pharmafirmen wegen ihrer Profitorientierung kritisiert, sollte sich die Frage stellen, ob der Verkauf von Zuckerkügelchen zu horrenden Preisen nur dem Patientenwohl dient. Der Umsatz lag 2018 in Deutschland bei 670 Millionen Euro.

Die Homöopathie ist aber auch deshalb so beliebt, weil sie auf einen Mangel in der Schulmedizin hinweist. Dort haben nämlich immer noch viele Patienten das Gefühl, sich in einer Maschinerie zu befinden, in der sie weniger als Menschen, sondern als Patient X mit Beschwerde Y wahrgenommen werden.

Die Homöopathie gibt den Patienten mit ihrem ganzheitlichen Ansatz vielfach ein besseres Gefühl. Weil sie sich wahrgenommen fühlen und Zuwendung erfahren. Deshalb sind es auch nicht irgendwelche obskuren Wirkstoff-„Informationen“, die bei einer homöopathischen Therapie Wirkung entfalten, sondern genau diese Zuwendung und das Versprechen auf Ganzheitlichkeit. Das könnte sich die Schulmedizin dann schon abgucken.

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