Kommentar zum Internationalen Frauentag: Höchste Zeit, umzudenken

Kommentar zum Internationalen Frauentag : Höchste Zeit, umzudenken

Über den Weltfrauentag wird Jahr für Jahr heftig diskutiert. Viele meinen, man bräuchte ihn nicht mehr, da Frauen ja inzwischen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik den Männern gleichgestellt wären. Zumindest in Deutschland. Also worüber streiten wir überhaupt?

Gleichberechtigung von Frauen ist – im Gegensatz zu anderen politischen Themen wie Abrüstung, Steuer- oder Sicherheitspolitik – ein Thema, auf das jedes Mitglied der Gesellschaft einen direkten Einfluss hat und von dem jeder direkt betroffen ist, der weiblich ist oder in einer Beziehung zu einer Frau steht.

Männer und Frauen, Feministen und Anti-Feministen streiten seit Jahren mit den immer gleichen Argumenten, die durch das ständige, beinahe schon verzweifelte, Wiederkauen zwar nicht an Relevanz, aber an Durchschlagskraft verlieren. Jeder weiß, dass Frauen für gleiche Arbeit durchschnittlich weniger verdienen als Männer, als Alleinerziehende und im Alter stärker von Armut bedroht sind. Zudem sind meist Frauen Opfer häuslicher und sexueller Gewalt. Alle zwei bis drei Tage wird eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Jede vierte Frau zwischen 16 und 85 hat zumindest einmal im Leben körperliche und/oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt. Betroffen sind Frauen aller Altersklassen und gesellschaftlicher Schichten. Mit Bildung und Geld allein bessert sich die Situation der Frauen also nicht. Und da Führungspositionen in Politik und Wirtschaft mehrheitlich von Männern besetzt sind, gibt es auch kein Signal, dass sich die oben genannten Probleme in naher Zukunft von selbst erledigen werden.

Tief und unterbewusst verankert

Es mangelt also nicht an Argumenten, sondern an Empfindsamkeit für das Problem. Es mangelt nicht an Vorbildern für jüngere Generationen, denn erfolgreiche Frauen gibt es überall. Von Marie Curie und Maya Angelou über Chimamanda Ngozi Adichie bis hin zur Alternativen-Nobelpreis-Trägerin Monika Hauser. Es mangelt erst recht nicht an Studien, die die Hinterwäldler-Ansichten von einigen erzkonservativen Politikern in Deutschland und der EU widerlegen, die noch heute offen die Meinung verbreiten, Frauen wären dümmer und schwächer als Männer.

Das Problem: Geschlechterrollen sind unterbewusst tief verankert, und es ist beschwerlich und mühsam, sie aufzubrechen. Denn dazu braucht es einen Bewusstseinswandel und somit eine aktive Anstrengung, das eigene unterbewusste und langjährig anerzogene Verständnis über das Verhältnis von Männern und Frauen in der Gesellschaft einer intensiven Prüfung zu unterziehen. Viele Männer wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Frauenquote. Sie haben Angst davor, ihres jahrtausendealten Primats beraubt zu werden, Angst vor Benachteiligung und Angst, dass irgendwann der Spieß umgedreht werden könnte.

Dabei geht es nicht darum, den Männern etwas wegzunehmen, denn Frauen fordern keine Bevorzugung. Kein Mann muss sich für das Geschlecht, in das er hineingeboren wurden, entschuldigen, sondern sich lediglich seiner privilegierten Position bewusst werden. Es geht um gleiche Behandlung. Darum, dass die „Männerdomänen“ der Republik Domänen für alle werden.

Solidarisiert euch!

Der normale Bürger hat kaum Einfluss darauf, ob Horst Seehofer Frauen in sein Ministerium oder die Deutsche Bank mehr Frauen in den Vorstand holt. Aber jeder Einzelne kann dafür sorgen, dass Frauen nicht nur auf dem Papier, sondern im realen Leben selbstbestimmte, freie und gleiche Bürgerinnen sind. Indem Männer sie respektvoll behandeln, als Partnerinnen, Bekannte, Kolleginnen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen. Indem Frauen das gleiche Gehalt zuteilwird, wie ihren männlichen Kollegen. Indem sie nicht gesellschaftlich stigmatisiert werden, wenn sie über Gewalterfahrungen sprechen und sexualisierte Gewalt nicht banalisiert wird. Indem Männer andere Männer auf Fehlverhalten ansprechen und sie auch Wert auf ausgewogene Geschlechterverhältnisse legen und Erziehungsurlaub nehmen. Indem Sexisten nicht in politische Ämter oder Vorstände gewählt werden. Und indem sich Frauen mit anderen, weniger privilegierten Frauen solidarisieren.

Die Spaltung der Gesellschaft anhand des Geschlechts ist ein Relikt aus vergangener Zeit, dessen hässliche Überreste es schnellstmöglich zu beseitigen gilt. Denn wir haben keine Zeit. Auf unsere Gesellschaft werden ganz andere Herausforderungen zukommen, wenn man Klimawandel, den Rechtsruck in Europa und den demografischen Wandel in Deutschland betrachtet. Es ist längst überfällig, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Gemeinsam und auf Augenhöhe.

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