Glossiert: Von Staun-Emojis und einem Top-Restaurant

Glossiert: Von Staun-Emojis und einem Top-Restaurant

Das „Gefällt mir“ ist der Lohn des kleinen Mannes im Netz. Wer einen witzigen Spruch auf Twitter raushaut oder ein hübsches Bild der Instagram-Gemeinde präsentiert, will Reaktion. Herzchen, Daumen-Hochs oder Staun-Emojis entlohnen für die harte Arbeit. Sie sind die soziale Währung, wenn man seinen Wert innerhalb des Freundeskreises bemisst.

Interessant wird es, wenn aus der sozialen eine harte Währung wird, weil viele Likes eben für viel Aufmerksamkeit stehen und sich so auch irgendwie zu Geld machen lassen. Denken wir beispielsweise an hübsche, wenn auch etwas uniforme Mädchen, die sich ein großes Publikum mit Selfies erknipst oder Schminkvideos eryoutubet haben und nun als Influencer (deutsch: Beeinflusser) mit Werbegeld zugeschmissen werden. Alles, damit sie den Kindern Produkte anpreisen, die sie ebenso uniform aussehen lassen wie die Snapchat-Vorbilder.

Oder wir denken an Nutzerbewertungen, ohne die man inzwischen fast keine Entscheidung mehr fällt. Wozu sollte man sich nicht auch der Schwarmintelligenz bedienen, um Fehler zu vermeiden, die andere schon gemacht haben? Toilettenpapier, Elektrogeräte, weiterführende Schulen, Filme, Ärzte. Bei allem, was zu bewerten ist, werden eifrig Rezensionen erstellt und Sternchen verteilt.

Daraufhin sagen die Konsumenten entweder Nein zu dem Produkt, was auf lange Sicht in der astralen Bedeutungslosigkeit enden kann. Oder sie sagen Ja, was wiederum dazu führt, dass sie ihrerseits Sternchen verteilen dürfen — für das Produkt, aber natürlich auch für denjenigen, der das Produkt vor ihnen bewertet hat („War diese Rezension hilfreich?“). Ziemlicher Wahnsinn das alles.

Umso spitzbübischer freut man sich, wenn der Bewertungswahn durch einen Akteur ausgehebelt wird. Wie Oobah Butler, der einfach ein Restaurant erfand. Mit einer hippen Webseite, auf der Fotos von Gerichten präsentiert wurden, die der Journalist aus Entkalkungstabletten, Rasierschaum und Schwämmen gebastelt hatte. Hinzu kamen eine mysteriöse Reservierungspolitik und ein paar überschäumende Kritiken von Beeinflussern (engl. Influencer), fertig war die Laube.

Die Neugierde auf die neue Topadresse stieg, ein paar Monate später war „The Shed At Dulwich“ das bestbewertete und am wenigsten existente Restaurant Londons. Tolle Aktion von Butler. Von uns gibt es fünf Sterne.

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