Glossiert: Über Zukunftsmusik von gestern

Glossiert: Über Zukunftsmusik von gestern

Waren Sie schon mal auf einer Cebit? Sie wissen doch, diese Computermesse da oben im Hannöverschen. Die absolute Muss-Veranstaltung. Also in den 90er Jahren, den wilden. Hach, damals™! Helmut Kohl auf der Cebit 1998 mit eckiger 3-D-Brille!

Die neuen Pentium-Prozessoren! Als alle auf der Datenautobahn in den Cyberspace wollten. Die Gerüchte über dieses USB-Steckergedöns, das das ganze Gewürge der 9- und 25-poligen Kabel, SCSI-Anschlüsse, parallelen und seriellen Schnittstellen ersetzen sollte.

Entweder stand man auf dem Messeschnellweg im Stau oder in einem restlos überfüllten Intercity zwischen restlos übermüdeten Aktenkoffermenschen. Aber man war da gewesen! Das allein zählte in der Welt derer, die die Anmeldetonfolge ihres Modems auswendig flöten konnten: tü-jööö-tüdeldidü-dröööööh...

Zukunftsmusik von gestern. Lang her. Irgendwann war sie nicht mehr hip, die Cebit. Irgendwann war man das stundenlange fußlahme Bummeln zwischen den immer gleichen Messedisplays von Netzwerkanbietern leid. Irgendwann war auch der legendär triste Stand mit den goldenen Digitaluhren mit Taschenrechnerfunktion aus Weißrussland nicht mehr da. Die Cebit geriet aus dem Fokus.

Doch inzwischen hat man auch in der norddeutschen Tiefebene von der Existenz der Berliner Web-Konferenz Re:Publica gehört. Sie verhält sich in punkto Coolness zur alten Cebit wie „Rock am Ring“ zur Sommerfeier des Finanzamts Hannover-Ost. Heute versucht sich die einstige Schlipsträgermesse als Szene-Event neu zu erfinden. Mit Konzerten von Jan Delay und Mando Diao, mit populärwissenschaftlichen „Science Slam“-Vorträgen, mit Chill-Out-Areas und Talk-Runden, Minigolf und Riesenrad.

Ob das reicht? Die technische Entwicklung ist ja eher nicht dafür bekannt, in Zyklen zu verlaufen. Aber wer weiß. Vielleicht entdeckt die Generation der Silberschläfen ihre olle Cebit ja wieder. Auf dem Messeschnellweg dürfte in diesem Jahr jedenfalls weniger los sein als im Boom-Jahr 1998. Und 3D-Brillen sind auch gerade groß in Mode.

Genau so spannend wie früher wird es aber nie mehr sein. Bis das ganz große Thema des Jahres 1998 wieder auftaucht, dürfte es noch eine Weile dauern: Erinnern Sie sich an den Millennium-Bug?

Mehr von Aachener Zeitung