Glossiert: Gehirnströme, gelesen am Kreuz Jackerath

Glossiert: Gehirnströme, gelesen am Kreuz Jackerath

Bin ich der Einzige, der beim Lesen dieser Schlagzeile gezuckt hat? „Facebook will Gehirnströme auslesen“: Einen uralten Menschheitstraum wollen sie verwirklichen, die Macher der Seite mit dem weißen F im blauen Logo — das Texten, ohne zu tippen.

Gedacht ist dabei etwa an Menschen, die ihre Hände nicht benutzen können. Aber im großen Ramschrausch unserer Zeit landet ja jede neue Technik irgendwann auf dem Wühltisch, das iPhone weiß, wovon ich spreche. Haben wir also alle in ein paar Jahren Chips im Hirn statt Handys in der Hose?

Hm. Ich ärgere mich oft darüber, dass in Deutschland jede neue Erfindung erst einmal mit der Bedenkenträgerkeule behämmert wird. In den 80er Jahren der Computer, in den 90ern das Internet, danach das Handy — was immer die Schlauköpfe der Welt ersinnen, der Deutsche weiß sofort, welch unermesslichen Schaden es am Planeten oder zumindest der Zivilisation anrichten wird. Von daher wäre es grundsätzlich erfrischend, solche Ankündigungen erstmal mit Neugier statt Entsetzen zu begrüßen.

Andererseits: Gedankensteuerung? Das ist schon heftig. Sicher, wenn dadurch gelähmte Menschen ohne Anstrengung kommunizieren können, ist das eine feine Sache. Und auch sonst sind viele Situationen denkbar, in denen man zwar in Netzwerken unterwegs sein will, aber die Hände gerade nicht frei hat — am Autobahnkreuz Jackerath etwa. Oder beim samstäglichen Lesen dieser Zeitung am Frühstückstisch. Ach, die Möglichkeiten!

Wenn nur dieses Wort nicht so mehrdeutig wäre: Gedankensteuerung. Denn jedes Ding hat ja bekanntlich seine zwei Seiten: Wer steuert da in Zukunft wen? Und wer liest bei wem mit? Wie wird Werbung aussehen in so einer gedankenvernetzten Welt? Wird man in so einer Zukunft noch unbefangen an Pizza denken können, ohne dass eine halbe Stunde später der Bote an der Tür klingelt?

Eine angenehme Seite hat diese Vision allerdings schon: Man könnte die Qualität der Quattro Stagioni auf der Webseite des Lieferdienstes bewerten, ohne dass am Ende Artischockenreste auf der Tastatur kleben. Vielleicht ist Gedankensteuerung ja doch nicht das Ende des Planeten.

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