Glossiert: Einsamkeit als Chance

Glossiert: Einsamkeit als Chance

Politiker sind weit weg vom Schuss. Das wirkliche Leben? Für sie ein Fremdwort. Sie leiden unter komplettem Alltags-Entzug.

So und ähnlich wird das ja gerne und häufig behauptet nach dem Motto: Probleme haben die hohen Herrschaften erst auf dem Schirm, wenn sie selbst mal betroffen sind. Stimmt natürlich. Wobei: Damit unterscheiden sie sich nicht von uns Normalsterblichen.

Untersuchen wir das Phänomen doch mal, sagen wir: am Beispiel der Einsamkeit. Geben Sie es zu: Sie sind doch gewiss auch einsam, mindestens gelegentlich. Mitten in der Rush-Hour seines wunderbar erfüllten Lebens weiß man vor Kindern, Arbeit, Baum pflanzen, Haus bauen weder ein noch aus. Da bleibt keine Verschnaufpause, die Jahre fliegen davon — und schon sind die Kinderchen ausgezogen, weil sie längst selber in ihrer Rush-Hour versackt sind. Dann fühlt man sich so total bescheiden: einsam und gottverlassen. Damit hatte man nicht gerechnet. Ich einsam? Passiert mir doch nicht, so gefühlsdusseliger Käse. Und doch passiert’s.

Einsame SPD-Prozente

Stopp! Stopp! Stopp! Über diesem Text steht Glosse, weswegen er trotz des Themas nicht zu traurig werden darf.

Also, wo waren wir? Bei Politikern, die sich erst um Probleme kümmern, wenn sie sie selbst haben. Darum ist es kein Zufall, dass jetzt das Thema Einsamkeit die Politik erobert. Vor allem in Großbritannien nicht, wo sich nicht nur Theresa May damit auseinandersetzen muss, weil sich ihre Weggefährten mit und mit verabschieden. Nein, die gesamte Nation wird den einsamen Brexit-Weg gehen und sich in die Insel-Isolation zurückziehen. Die Anrufe aus Brüssel werden seltener, ebenso wie die Besuche der ehemaligen EU-Familie.

Kaum wurde in London die Einsamkeitsministerin ernannt, geht auch in deutschen Parteien die Debatte los, was natürlich auch kein Zufall ist. Steht doch der SPD-Parteitag an, bei dem es zumindest mittelbar ebenfalls um das Thema Einsamkeit geht.

Hierbei sind weniger die Prozentpunkte gemeint, die sich bei der SPD immer einsamer vorkommen müssen, sondern die Politiker selbst. Sollten die Genossen bereits an der ersten Groko-Hürde scheitern, könnte es — na was? — ziemlich einsam um den einen oder anderen werden. Um Martin Schulz sowieso, der sich schon während des Wahlkampfs alleingelassen fühlen durfte. Doch sorgen muss man sich nicht um ihn, käme er doch endlich dazu, mal wieder Bücher zu lesen. Kleiner Lesetipp: „Einsamkeit: Die Entdeckung eines Lebensgefühls“.

Auch Angela Merkel dürfte bei einer Neuwahl zum Fall für einen Einsamkeitsminister werden (den Job könnte Christian Lindner übernehmen, dessen einsame Entscheidung die Jamaika-Verhandlungen beendet hat). Allerdings muss bei der CDU die Frage gestellt werden, wer am Ende der Merkel-Ära einsamer wäre: die Ex-Kanzlerin oder die CDU-Spitze, die Merkel nach langer Regentschaft zurückließe.

Und Horst Seehofer? Wenn man es recht bedenkt, käme ihm die Einsamkeit sogar recht. Denn bei ihm hatte man immer schon das Gefühl, dass er sich selbst genügt. Niemand lachte herzhafter über seine Witze als er selbst und angelehnt an das Bayern-Motto „Mia san Mia“ passt zu Seehofer das selbstzufriedene „I bin I“.

Zumindest für die politischen Schwergewichte ist die Einsamkeit also wohl gar nicht so schlimm.

Dazu passt folgender Gedanke: Der Titel von Tracey Crouch lautet „Minister for Loneliness“. Also für und gar nicht gegen Einsamkeit!? Haben wir da am Ende alle nur etwas missverstanden?

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