1. Meinung

Glossiert: Berufwunsch Serien-Junkie?

Glossiert: Berufwunsch Serien-Junkie?

Viele von uns tun es. Jeden Tag. Nach der Arbeit, gemütlich am Sonntagvormittag oder schnell zwischendurch: Serien konsumieren. Ja, richtig, konsumieren, denn in Zeiten, in denen „Binge Watching“ (Komaglotzen) betrieben wird, scheint der Begriff Serien „gucken“ zu schwach.

Eine Staffel, eine (halbe) Woche — kein Problem. Das Zeitalter, in dem man nicht mehr verschämt antworten muss, wenn die Antwort auf die Frage nach den Hobbys „Serien“ lautet, ist angebrochen.

Kennen Sie den Ausdruck „Das Hobby zum Beruf machen“? Der Streaming-Riese Netflix hat da was in seinen Stellenanzeigen: ein 40-Stunden-Job als Tagger. Die Aufgabe: Serien mit Schlagwörtern versehen. Diese Stichwörter helfen dann bei der Einsortierung in die verschiedenen Kategorien wie „Drama“, „Science Fiction“ und so weiter. Manchmal darf’s dann auch etwas ausgefallener sein — wer will schon auf die Genres „Alberne Komödien“, „Unheimliche Kultfilme mit verrückten Wissenschaftlern aus den 1970er Jahren“ oder „Tiefsee-Horrorfilme“ verzichten?

Die Bedingung: Serien und Filme müssen von Anfang bis Ende durchgeguckt werden. Was erst mal nicht schlimm klingt, könnte sich als größter Haken am vermeintlichen Traumjob entpuppen: Bei knapp 800 Serien ist es gut möglich, dass nicht jede immer unbedingt dem eigenen Geschmack entspricht. „Augen zu und durch“ geht nicht, jede einzelne Minute muss wirklich geguckt werden.

Während das Streaming-Modell in der Musikbranche weniger erfolgreich läuft, geht das Konzept bei Netflix auf: Der Konzern konnte seinen Gewinn im Geschäftsjahr 2017 fast verdreifachen. Die Abozahlen steigen stetig an — trotz Konkurrenz von Amazon, Sky, Maxdome & Co. Videostreaming schafft das, was Fernsehen oft nicht kann: Es bedient nahezu alle Interessen — auch die von Tiefsee-Horrorfilm-Fans.

Dafür kann das „Binge Watching“ zum echten Zeitfresser mutieren. Die Steigerung davon ist das „Purge Watching“. Das beschreibt das Phänomen, dass wir Serien weitergucken, die wir nicht einmal gut finden. Dahinter steckt einfache Psychologie: Wir wollen schlicht wissen, wie es weitergeht. Sind wir also beim Seriengenuss gar nicht so frei, wie wir glauben? So oder so — spätestens, wenn das Videostreamen keinen Spaß mehr macht, kann man es auch einfach lassen. Zumindest, wenn man nicht als bezahlter Tagger arbeitet.