Kommentar zum Bezahlen mit Karte: Gläsern sind wir längst

Kommentar zum Bezahlen mit Karte : Gläsern sind wir längst

Nur Bares ist Wahres, heißt ein beliebtes deutsches Sprichwort. Die meisten Deutschen nehmen das noch immer allzu wörtlich, und zwar unverdrossen seit Einführung des Kartenzahlungsverkehrs vor mehr als 50 Jahren; sie gehören zu den größten Bargeldliebhabern Europas.

In Sachen Kartenzahlungen pro Kopf liegt Deutschland auf Platz 29 von 33 untersuchten Ländern – Elite von unten sozusagen. Doch die Position gerät ins Wanken. 2018 haben die Deutschen erstmals ein bisschen öfter mit Karte als mit Bargeld bezahlt. Was ist da los? Müssen wir uns Sorgen machen?

Wohl nicht, es sind eher Fortschritt und Bequemlichkeit, die die Bastion der Bargeldbefürworter bröckeln lassen. Böse Buben, werden Bargeldliebhaber jetzt vielleicht sagen. Aber sie haben unrecht. Denn es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie ihr eigenes Argument – „keine Kontrolle im Zahlungsverkehr bedeutet Datenschutz und damit Freiheit“ – selbst ad absurdum führen.

Indem sie bei Amazon bestellen, Flüge online buchen, Nachrichten im Internet statt in der gedruckten Zeitung lesen, oder einfach nur Bilder ihrer Enkel über Whatsapp verteilen. Auch die unvermeidliche Online-Petition „Bargeld erhalten“ erscheint unter diesem Aspekt irgendwie lächerlich.

Ja, so ist das. Solange wir unsere Daten jeden Tag jedem x-beliebigen Verkäufer, Sachbearbeiter oder Verwandten freiwillig und gedankenlos in den Rachen werfen, sollte niemand darüber lamentieren, dass bei Bezahlung ohne Münzen und Scheine die große Bespitzelung durch Banken oder Staat droht. Der gläserne Bürger ist längst Realität. Das sollte jedem klar sein.

Was die Freiheit betrifft: Sie beginnt im Kopf, und da sollte besser keine Schere sein. Lasst uns also fröhlich mit den paar Münzen, die wir noch in der Tasche haben, klimpern und dabei dieses irre Gefühl von Freiheit genießen, bevor das Leben ohne Bargeld uns die Laune verdirbt. Man könnte sich aber zum Beispiel auch einfach mal darauf freuen, dass dann in einigen Jahren Dealer auf den Straßen der Vergangenheit angehören würden.

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