Gendern oder nicht? Debatte um geschlechtergerechte Sprache

Kommentar : Die Welt ändert sich, und die Sprache ändert sich mit ihr

Der Rat für deutsche Rechtschreibung debattiert über Gendersprache. Warum sich nicht nur die Gesellschaft, sondern die Sprache mit ihr ändern muss.

Die Sprache ist ein Ausdruck des Denkens. Umgekehrt gilt aber auch, dass die Art, wie wir sprechen, unser Denken beeinflusst. Jedes Wort hat Konventionen, wonach es gebraucht wird. Konventionen können sich aber ändern.

Das generische Maskulinum meint Frauen mit. Dieses Argument wird von Verfechtern der bisherigen Nutzung der Sprache stets angeführt. Und sie haben recht. Es ist grammatikalisch überflüssig, neben dem Politiker auch die Politikerin zu erwähnen. Man würde auch nicht aus dem Abgeordneten die Abgeordnetin machen. Also könnte man alles beim Alten belassen und die Kritik der Feministinnen als blödsinnig abtun.

Das Problem ist aber, dass sich viele Frauen nicht mitgemeint fühlen, wenn von Ärzten und Lehrern gesprochen wird. Mehr noch: Sie werden oft auch nicht mitgesehen. Das zeigen Experimente und Studien. Wird ein Chirurg erwähnt, denkt die Mehrzahl der Menschen an einen Mann im OP. Frauen wollen und sollen aber mitgemeint sein. Es ist deshalb richtig, in Stellenanzeigen beispielsweise von dem Arzt und der Ärztin zu schreiben.

Studien zeigen den Effekt von Sprache. Bringt man Menschen beispielsweise neue Farbwörter bei, verändert dies ihre Fähigkeit, Farben zu unterscheiden. Vielleicht bringt man dem ein oder anderen Gestrigen mit einer geschlechtergerechten Sprache ja auch bei, dass es sich bei Frauen, die im Krankenhaus arbeiten, nicht unbedingt um Krankenschwestern, sondern auch um die Chefärztin handeln kann. Das könnte helfen, die Welt zumindest etwas gerechter und besser zu machen.

Es ist aber nicht verboten, sich zu fragen, ob Sprache das überhaupt muss. In dieser Debatte geht es nämlich auch um einen Streit zwischen der Moral und der Ästhetik. Im Sommer hat der Duden entschieden, das Gendersternchen nicht aufzunehmen. Recht so, sagen die Ästheten. Sternchen und Binnen-I sind alles andere als schön und (laut) lesbar schon gar nicht. Von falschen und hässlichen Partizpkonstruktionen wie den unsäglichen Studierenden, die manchmal gar nicht so eifrig studieren, mal ganz abgesehen. Moral und Ästhetik begegnen sich sicher am ehesten, wenn man die männliche und weibliche Form – den Studenten und die Studentin – nennt.

Was für Formulare und Anschreiben richtig ist, muss aber für literarische Texte nicht immer richtig sein. Denn hier muss zwingend das Schöne bevorzugt werden. Also, liebe Kulturpessimisten: Aus dem gestiefelten Kater muss keine gestiefelte Katze werden. Und aus der Raupe Nimmersatt auch nicht der Räuperich – falls denn Raupen überhaupt ein Geschlecht haben. Vielleicht sind es auch Raupexen.

m.gullert@zeitungsverlag-aachen.de

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