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Kommentar zu Vaterschaftsurlaub: Geld löst nicht alle Probleme

Kommentar zu Vaterschaftsurlaub : Geld löst nicht alle Probleme

Der von der Bundesregierung für 2024 geplante Vaterschaftsurlaub ist zwar wichtig, wird aber nicht zur Gleichberechtigung führen.

Der Vaterschaftsurlaub ist prinzipiell richtig. Er allein wird aber nicht dazu führen, dass die angestrebte Gleichstellung am Arbeitsmarkt von Müttern und Vätern sowie eine gerechtere Verteilung der Betreuungsaufgaben erreicht werden. Denn der Staat kann und sollte Familien zwar unterstützen, aber er kann nicht ins Private reinregieren und das Denken verändern.

Dass die EU-Richtlinie zum Vaterschaftsurlaub erst 2024 umgesetzt wird, ist ärgerlich, taugt aber nicht zum Skandal. Das Vaterschaftsgeld müsste wie das Mutterschaftsgeld von den Krankenkassen und den Arbeitgebern bezahlt werden. Dass Letztere in der aktuellen Krise noch ein Jahr geschont werden, ist nachvollziehbar. Zumal es in Deutschland bereits für jeden Vater die Möglichkeit gibt, nach der Geburt zu Hause zu bleiben – und zwar bezahlt. Deutschland hat eine sehr großzügige Elterngeldregelung, dank der Väter und Mütter gemeinsam bis zu 14 Monate lang Geld bekommen können. Zudem gibt es attraktive Teilzeitmodelle, mit denen mehr als 28 Monate Elterngeld möglich sind.

Und nun kommt das Aber: Das Elterngeld kann zwar pro Person bis zu 1800 Euro monatlich betragen. Wer lediglich das Minimum an Elterngeld bekommt, etwa durch Teilzeitarbeit, dem stehen allerdings nur 300 Euro zur Verfügung. Wer zum Mindestlohn arbeitet, erhält in etwa 800 Euro Elterngeld. Zwar belasten die massiv gestiegenen Kosten derzeit alle Familien. Doch gerade für Geringverdiener ist die Differenz zwischen Elterngeld und ihrem Lohn mitunter zu groß. Schließlich müssen sie ihre Miete genauso weiterbezahlen wie Lebensmittel und Windeln. Es wäre deshalb zu begrüßen, wenn die Bundesregierung verstärkt Lösungen für einkommensschwache Familien suchen würde. Kinder dürfen für sie nicht zum Armutsfaktor werden.

Die Erhöhung beim Kindergeld ist dabei ein erster Schritt. Auch dass Kinder von Hartz-IV-Empfängern beim künftigen Bürgergeld mehr Geld dazuverdienen dürfen, ist wichtig. Dass aber die NRW-Landesregierung das versprochene dritte beitragsfreie Kita-Jahr überhaupt nicht mehr erwähnt, ist bitter. Kitagebühren von bis zu 1000 Euro monatlich in der teuersten NRW-Kommune sind eine Zumutung für Eltern. Dass Alleinerziehende oft nicht mitgedacht werden, ist ebenfalls skandalös. Die in Berlin geplante Kindergrundsicherung wäre eine Maßnahme, die ärmeren Familien helfen würde. Sie soll aber leider erst 2025 kommen; zu spät. Und das ist viel bitterer als der verzögerte Vaterschaftsurlaub.

Überhaupt nimmt bislang nur die Hälfte der Väter Elterngeld in Anspruch. Das hat einerseits damit zu tun, dass einigen Familien das Elterngeld nicht zum Leben reicht. Andererseits gibt es viele Paare, die als Eltern wieder in „traditionelle“ Rollen zurückfallen. Ja, Mütter gebären die Kinder und stillen sie, wenn sie denn wollen. Aber zu allem anderen sind Väter auch in der Lage. Die Frage ist nur, ob sie dazu bereit sind. Tatsache ist jedenfalls: Nach wie vor nehmen Väter im Schnitt nur 3,7 Elterngeld-Monate – selbst bei Familien, in denen es keine Geldprobleme gibt. Das kann individuell gute Gründe haben. Es zeigt aber auch einen generellen Trend.

Zahlen und Studien zeigen, dass die Ursachen für die ungleiche Aufgabenverteilung bei Eltern nicht allein monetärer Art sind. Die Bundesregierung und die EU sollten sich deshalb nicht der Illusion hingeben, dass sie mit den zwei wichtigen geschenkten Vaterschafts-Wochen die Gleichberechtigung herzaubern.