Kommentar zum Unfall im Hambacher Forst: Gefährliche Symbolik im Forst

Kommentar zum Unfall im Hambacher Forst : Gefährliche Symbolik im Forst

Die Stimmung am Hambacher Forst ist sehr aufgeladen, was an den vielen Themen liegt, die dort berührt werden. Für den Tod des Bloggers können sich viele Akteure verantwortlich fühlen. Es bleibt die Hoffnung auf Besinnung.

Als am Mittwoch, kurz nach dem schrecklichen Unfall im Hambacher Forst, erste Aufrufe durchs Netz flirrten, keine Seite möge das Geschehene für ihre Zwecke missbrauchen, war das zwar ehrenvoll, verhinderte aber selbige Instrumentalisierung natürlich nicht.

Zu aufgeladen ist die gesamtgesellschaftliche Stimmung zum Forst, mit allen Themen, die dort berührt werden: die Energiewende, der Naturschutz, die Macht eines großen Unternehmens, viele Arbeitsplätze in der Region, der Rechtsstaat und seine Grenzen. Und zu divers und durchlässig ist das Internet, mit all seinen potenziellen Nutzern, deren Reichweite nicht immer mit einer entsprechenden Qualität korreliert.

Das Netz kennt keine Pietät, keine Schonzeit, keine Trauersekunde. Und so konnte man ziemlich schnell allerlei lesen: Von menschenverachtenden Kommentaren, ob der Blogger denn keinen Fallschirm dabei gehabt habe, bis zu Beschimpfungen von Ina Scharrenbach als Volksverräterin.

Es ist wichtig, dass versucht wird, den Hergang des Unfalls genau zu ermitteln, man kann aber bereits jetzt drei Fakten festhalten:

Erstens: Ohne die Besetzung des Waldes wäre es nicht zu diesem Todesfall gekommen.

Zweitens: Ohne die Räumung und die geplante Rodung des Waldes wäre es nicht zu diesem Todesfall gekommen.

Drittens: Ohne die Entscheidung des Bloggers, das Leben der Baumbesetzer zu dokumentieren, wäre es nicht zu diesem Todesfall gekommen.

Sollte sich also im Rahmen der Untersuchung durch die Kriminalpolizei nicht herausstellen, dass ein Polizeibeamter den Blogger bewusst vom Baumhaus gestoßen hat, können und sollten sich viele Akteure verantwortlich fühlen.

Mehr noch: Wer die Situation im und am Hambacher Forst ehrlich analysiert, muss zu dem Ergebnis kommen, dass ein solches Unglück gewissermaßen „eingepreist“ war.

Von den Aktivisten, weil es der Kerngedanke der Besetzung ist, dass sie ihre Körper und ihre Leben zwischen den Wald und die Bagger bringen. Sie besetzen den Wald und ketten sich an, um so die Rodung zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Dazu gehört auch die Strategie, Baumhäuser zu errichten, um die Räumung so kompliziert wie möglich werden zu lassen, was gleichzeitig die Gefahr für solche Unfälle erhöht. Das Bild vom Naturmenschen, der gegen naturvernichtende Maschinen einsteht, ist Kern des Widerstand-Narrativs. Ebenso wie die Versuchung, den toten Blogger, den Mitglieder der Bewegung als „Freund“ bezeichnen, zum Hambacher-Forst-Märtyrer zu machen, was sehr wahrscheinlich passieren wird.

David-gegen-Goliath-Gefühl

Aber auch der Polizei, der Landesregierung und RWE muss klar gewesen sein, dass eine Räumung die Gefahr für einen solchen Unfall erhöht. Jeder, der sich nur ein wenig mit der Psychologie dieses Konflikts beschäftigt, konnte vorhersehen, dass eine Räumung ein gewisses Mobilisierungspotenzial besitzen würde. Hinzu kommt die auch aus jetziger Sicht noch seltsame baurechtliche Begründung, die jahrelang keine Rolle spielte, sowie das gewaltige Polizeiaufgebot, das das David-gegen-Goliath-Gefühl bis weit in bürgerliche Kreise verstärkte. Dass eine solche Situation viele Sympathisanten – vielleicht auch Hasardeure – in den Forst und auch auf die Baumhäuser ziehen würde, hätte man sich denken können.

Das Problem an der verfahrenen Situation im Hambacher Forst ist die gewaltige Symbolik. Sie ist aus Sicht der Besetzerszene notwendig, um Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu schaffen, verzerrt aber die Dinge. Es gibt in diesem Staat viele rechtsstaatliche Mittel, um gegen etwas vorzugehen. Es existiert ein weitgehendes Demonstrationsrecht, man kann RWE boykottieren, politischen Druck ausüben oder Gerichte anrufen. Am Hambacher Forst wird sich nicht der globale Klimawandel entscheiden. Ebenso wenig werden in Deutschland alle Lichter ausgehen, wenn die Braunkohle unter dem Hambacher Forst bleibt.

Für beide Konfliktseiten gilt: Wer die Auseinandersetzung um den Hambacher Forst zum alles entscheidenden Kampf stilisiert, wer den anderen entmenschlicht, wer ihn als Baumaffen bezeichnet oder Systemschwein nennt, der spielt mit einer Symbolik, die sich besonders in diesen zur Empörung neigenden Zeiten nur schwer wieder einfangen lässt.

Nun ist ein Mensch tot. Es bleibt die Hoffnung, dass diese Tragödie einige Menschen zur Besinnung bringt.

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