Kommentar zur Schulpflicht: Forsch, forscher, Linnemann

Kommentar zur Schulpflicht : Forsch, forscher, Linnemann

Carsten Linnemann hat es mal wieder geschafft. Er steht auf den Titelseiten. Mit einer vielleicht gut gemeinten, aber ziemlich unbedachten Äußerung. Kinder, die nicht Deutsch sprechen und verstehen, sollten nicht an Grundschulen aufgenommen werden, fordert der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionschef.

Das ist ein ebenso absurdes wie populistisches Anliegen. Denn Linnemann vermischt  drei Themen, die strikt getrennt betrachtet werden sollten:  die gesetzliche Schulpflicht, die mit Lehrern unterversorgten Grundschulen und die Deutschkenntnisse von Kindern mit Migrationshintergrund.

Fehlende Integration und unzureichende Bildung von Migranten (wie auch Deutschen) kommen uns am Ende teuer zu stehen, das wissen wir alle, auf so viel Binsenweisheit  bringt es auch Herr Linnemann. Gut ein Drittel der Unter-Fünfjährigen in Deutschland sind Kinder mit Migrationshintergrund, und ihre Zahl wächst. Das stellt Schulen, vor allem aber Lehrer und Lehrerinnen, vor erhebliche zusätzliche Probleme. Linnemanns Vorschlag, eine Art Sprach-Vorschule für Migrantenkinder einzuführen, blendet aber schon längst existierende Realitäten aus.

In fast allen Bundesländern betreiben Kindergärten seit Jahren mit großem Aufwand sogenannte Sprachstandserhebungen. In Nordrhein-Westfalen gibt es derer sogar drei: zum ersten Mal zwei  Jahre vor der Einschulung, dann bei der Anmeldung zur Grundschule und auch noch in der Schuleingangsphase. Kinder – ob zugewanderte oder deutsche -, die eine Kita besuchen, sind in Deutschland beim Thema Sprachentwicklung also gut versorgt – sofern es genügend Geld und Personal für die entsprechende  Förderung gibt.

Offensichtlich bezieht Linnemann seine Forderung hauptsächlich auf Kinder, die in Deutschland keinen Kindergarten besucht haben. Die gibt es natürlich, aber auch für die gibt es Förderung – zum Beispiel in Klassen mit Deutsch als Zweitsprache.

Die Forderung nach Aussetzung der Schulpflicht für zugewanderte Kinder ist gemäß dem Bildungsauftrag unseres Staates aber nicht nur unlogisch, sondern auch gefährlich. Sollen zum Beispiel verhaltensauffällige Kinder demnächst auch erst mal in eine Erziehungs-Vorschule? Richtig ist: Individuelle Probleme, die das Lernen in der Schule erschweren, sollten Lehrern und Lehrerinnen nicht über Gebühr aufgebürdet werden.  Falsch ist: Einen Teil der in Deutschland lebenden Kinder von der Schulpflicht auszuschließen. Warum auch? Es gibt eine einfache Lösung, um die gewünschten Bildungserfolge für alle Kinder einzufahren, und die kennt auch Linnemann: Geld, Geld und nochmals Geld.

Zwei Dinge kann man aus der Linnemannschen Darbietung folgern: Der Carsten will noch was werden in der CDU - das sollte vernünftigerweise verhindert werden.  Vernünftigerweise gefördert  werden sollten dagegen in Deutschland alle Kinder – die mit Migrationshintergrund und die ohne.  „Parallelgesellschaften“  lassen sich verhindern – mit Integration und Bildung. Die Instrumente dafür müssen Politiker nicht nur fordern, sondern auch zur Verfügung stellen. Diejenigen, die mit solchen Themen eher vordergründig hausieren gehen, um am rechten Rand Stimmen zu fischen, tun weder ihrem Land noch ihrer Partei einen Gefallen.