Kommentar zum Frauenwahlrecht: Es ist noch viel zu tun

Kommentar zum Frauenwahlrecht : Es ist noch viel zu tun

Eigentlich ist doch alles erreicht. Könnte man meinen. Die politischen Geschicke unseres Landes werden seit mehr als 13 Jahren von einer Frau gelenkt. Dass auf Angela Merkel als Bundeskanzlerin ebenfalls eine Frau folgt, ist nicht unwahrscheinlich. Annegret Kramp-Karrenbauer, Andrea Nahles, Annalena Baerbock, Katja Kipping – sie alle sind der Beleg dafür, dass Politik in Deutschland längst nicht nur von Männern bestimmt wird.

Eine Frau als Parteivorsitzende? Das ist keine Ausnahme mehr. Und das gerade mal 100 Jahre, nachdem Frauen zum ersten Mal an einer Wahlurne ihre Stimme abgeben durften. Was für eine Errungenschaft!

Für viele Menschen ist das unterschiedslose Wahlrecht für Männer und Frauen zur Selbstverständlichkeit geworden. Es ist sogar so selbstverständlich, dass viel zu viele den Gang ins Wahllokal gar nicht erst antreten. Der jüngste traurige Beweis dafür sind magere 27 Prozent der Wahlberechtigten, die Ende November bei der Stichwahl zum neuen Städteregionsrat ihr Kreuz setzten. Aber immerhin: Auch hier hatten die Einwohner der Städteregion Aachen die Wahl zwischen einem Mann und einer Frau.

Ist also alles erreicht? Die klare Antwort lautet: nein. Denn selbstverständlich ist das politische Engagement von Frauen auch heute nicht. Im Gegenteil. Die Anzahl der weiblichen Abgeordneten im Bundestag ist rückläufig. Nur jeder dritte Sitz wird von einer Frau besetzt – so wenige wie seit 20 Jahren nicht. Der Frauenanteil im Aachener Stadtrat ist mit 36 Prozent nur wenig besser. Von Parität kann also keine Rede sein. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich. Denn noch immer werden die unbezahlten Aufgaben im Haushalt und bei der Kindererziehung überwiegend von Frauenschultern getragen. Hand aufs Herz: Wann haben Sie zum letzten Mal mit Staunen einen beruflich erfolgreichen Mann gefragt, wie er es schafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen? Frauen in Führungspositionen müssen solche Fragen regelmäßig weglächeln. Zwar übernehmen Männer auch in dieser Hinsicht zunehmend Verantwortung. Doch es gibt noch Luft nach oben. Ein Umstand, an den Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit Recht im Rahmen der Feierstunde zum hundertsten Jahrestag des Frauenwahlrechts erinnerte.

Doch nicht nur Männer sind gefordert. Auch Frauen müssen weiter für sich und ihre Rechte einstehen. In der Politik, im Beruf und im Privaten.

100 Jahre, nachdem Frauen das erste Mal ihre Stimme abgeben durften, zeigt sich: Es ist noch viel zu tun.

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