Kommentar zum Artensterben: Entscheidungsfreude nötig

Kommentar zum Artensterben : Entscheidungsfreude nötig

Jetzt haben es auch die größten Ignoranten schwarz auf weiß: Wenn wir nicht sofort beginnen, auf allen Ebenen gegen das Artensterben Maßnahmen zu ergreifen, sieht es auch für uns Menschen nicht mehr lange gut aus.

Politische wie private Ansatzpunkte gibt es genügend. So muss zum Beispiel die EU entscheidungsstärker, Subventionen überdacht und persönliche Bequemlichkeit überwunden werden. Denn mit den am Montag vorgestellten Kernthesen des umfassenden Artenvielfalt-Berichts des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) steht fest: Wir haben keine Zeit mehr.

Die EU zum Beispiel verträgt noch eine gehörige Portion Entscheidungsfreudigkeit. Vor allem beim Thema länderübergreifende Regularien in der Landwirtschaft, die große Akteure dazu anhalten sollen, ökologischer zu wirtschaften. Hier sei das Stichwort Agrarpolitik genannt: Bei einer Debatte des EU-Agrarausschusses in Luxemburg Mitte April zeigte sich, dass zwar alle EU-Staaten grundsätzlich gewillt sind, sich für mehr Umweltschutz und somit Artenschutz einzusetzen. Wie die von der Kommission sogenannte Grüne Architektur ab 2020 konkret umgesetzt werden soll, bleibt jedoch offen.

Auch beim Schutz der Artenvielfalt spielt das Thema Geld eine entscheidende Rolle. Es kann nicht mehr angehen, dass, wie im aktuellen Bericht festgehalten wird, Hunderte Milliarden Dollar jährlich an naturschädigenden Subventionen für beispielsweise Kohle und Öl zur Verfügung gestellt werden. Es stellt sich die Frage, was jede noch so gut gemeinte naturschützende Maßnahme bringt, wenn auf der anderen Seite so offensichtlich in die weitere Zerstörung investiert wird. Auch hier sollten sich die Weltakteure lieber heute als morgen überlegen, ob die Finanzspritzen dort noch notwendig sind, wenn sie an anderer Stelle die Artenvielfalt und somit unser Ökosystem sichern könnten.

Aber auch jeder Einzelne muss aktiv werden. So macht zum Beispiel zwar schon ein kleiner Vorgarten Arbeit. Aber aus Bequemlichkeit den ganzen Bereich in eine Schottersteinwüste zu verwandeln, damit keine Zeit mehr für Unkrautjäten und Rückschnitt anfällt, muss nicht sein. Es geht auch anders. Ein Beispiel: das Hortus-Netzwerk. Das Credo der etwa 4700 Mitglieder: Erhalten Pflanzen und Tiere wieder mehr Raum, entsteht mit ein bisschen Hilfe von außen ein kleines, sich selbst regulierendes Ökosystem.

So entfällt das ständige Unkrautzupfen zwischen den Schottersteinen und das Auge kann sich  über einen bunteren und vielfältigeren Vorgarten freuen. Der Bericht des IPBES sollte uns alle wachrütteln. Wenn sich privates und politisches Verhalten ändern, haben wir vielleicht noch eine Chance. Aber dafür muss an jeder Stellschraube gedreht werden, und auch schwerfällige politische Entscheidungsapparate müssen erkennen, dass jetzt, trotz aller Einzelinteressen, nur noch gemeinsame Schritte Wirkung zeigen.

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