Kommentar zum Aachen-Vertrag: Élysée. Aachen. Europa!

Kommentar zum Aachen-Vertrag : Élysée. Aachen. Europa!

Immer mehr Ehepaare, das scheint ein Trend zu sein, verspüren den Wunsch, ihr Eheversprechen zu erneuern. Noch einmal Ja sagen, gerne im Rahmen einer feierlichen Zeremonie. Was besiegelt war, soll noch einmal untermauert werden.

Wenn der 1963 zwischen Frankreich und Deutschland geschlossene Élysée-Vertrag eine Art Eheversprechen war, dann ist der am Dienstag unterzeichnete Aachen-Vertrag die Erneuerung dieses Versprechens. Natürlich werden sich die Unterzeichner in einigen Jahren an den Vereinbarungen messen lassen müssen. Gleichwohl ist der Vertrag weniger ein Wagnis als vielmehr ein Wegweiser. Nicht das Binnenverhältnis zwischen Frankreich und Deutschland steht im Zentrum, sondern die Botschaft nach außen in die EU: Schaut her, unsere Beziehung hält nach all den Jahren immer noch. Niemand behauptet, dass wir uns innig lieben, doch wir wissen, dass wir uns brauchen. Und Ihr braucht uns. Und wir alle brauchen – das ist letztlich der Kern des Vertrages – Europa!

Mit einer Stimme sprechen

Miteinander im Gespräch bleiben. Was wie eine Floskel klingt, rückt in einer Zeit, in der es Argumente schwer haben, in den Fokus. Auch der Aachen-Vertrag zielt darauf ab, jedenfalls betont er, dass beide Seiten bemüht sein werden, noch stärker als bisher gemeinsame Standpunkte zu entwickeln. Man will noch intensiver miteinander reden. Im besten Fall mit einer Stimme sprechen. Das klingt vernünftig und kann nur im Sinne des europäischen Gedankens sein. Allerdings nur dann, wenn das, was zwischen beiden Partnern besprochen wird, den anderen – nennen wir sie die Trauzeugen – Luft zum Atmen lässt.

Frankreich und Deutschland sehen sich in schwierigen Zeiten in der Pflicht und gehen voran. Das ist lobenswert. Wünschenswert wäre, dass dieses Voranschreiten gegenüber den anderen EU-Mitgliedsstaaten ohne überhebliche Attitüde daherkommen würde. Nach dem Motto: Wir tun es letztlich in erster Linie für euch . . . Damit vergrault man die Freunde, die man so dringend braucht.

Donald Tusk, der Präsident des Europäischen Rates, hat der Kanzlerin und dem Präsidenten gestern in einer kurzen Rede auf freundliche und doch bestimmte Art zu verstehen gegeben, dass es keinen deutsch-französischen Alleingang geben kann. Er werde beide daran erinnern. Das darf man gerne als Ansage verstehen.

Aachen war auch deshalb der ideale Ort für die Unterzeichnung des Vertrages. Weil zwar war die historische Dimension im Krönungssaal des Rathauses greifbar war, die Zeremonie und das Prozedere jedoch insgesamt nicht aufgeblasen oder gar pompös wirkten, sondern angemessen und authentisch. Der Stadt mit ihrem Oberbürgermeister und allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben, namentlich dem Protokoll, der Feuerwehr, der Polizei und den Sicherheitskräften, muss man an dieser Stelle ein Kompliment machen. Aachen kann Gipfeltreffen! Auch das war eine wichtige Botschaft.

Macron in Höchstform

Vieles in dem Vertragswerk klingt sehr vernünftig. Doch eine Freundschaft wie die zwischen Frankreich und Deutschland darf nicht allein getragen sein von Vernunft. Idealerweise spielt das Herz mit. So wie doch auch Europa eine Herzensangelegenheit sein sollte. Wie aber kann man das Feuer für die europäische Idee neu entfachen? Indem man leidenschaftlich darüber spricht. Emmanuel Macron ist das am Ende seiner Rede, als er sich von seinem Manuskript befreite, auf bemerkenswerte Art und Weise gelungen.

Da beschwor er den deutsch-französischen Gemeinschaftsgeist, da war im Krönungssaal etwas zu spüren von der Magie. Der Kanzlerin, die insgesamt etwas fahrig wirkte, gelang es nicht, der Vertragsunterzeichnung einen emotionalen Stempel aufzudrücken. Das hatte aber niemand erwartet.

Versöhnung war das Wort der Stunde, als der Élysée-Vertrag unterzeichnet wurde. Und es waren die Menschen, die ihn mit Leben füllten. Für die Alltagsbegegnungen sieht der neue Vertrag einen Bürgerfonds vor, mit dem Städtepartnerschaften und Schüleraustausche stärker gefördert werden sollen. Miteinander im Gespräch bleiben. Nichts ist schlimmer als Sprachlosigkeit. Wenn sich Ehepartner nichts mehr zu sagen haben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Da kann man das Eheversprechen noch so oft erneuern.

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