Kommentar zum Missbrauchsfall von Staufen: Ein schlechter Witz

Kommentar zum Missbrauchsfall von Staufen: Ein schlechter Witz

Gerichtsurteile bieten naturgemäß Anlass zur Diskussion. Dabei gibt es drei Möglichkeiten der Beurteilung: Das Urteil ist zu milde, das Urteil ist angemessen oder das Urteil ist zu hart. In einem Rechtsstaat müssen sich die Bürger darauf verlassen können, dass ein Richter seinen Job verantwortungsbewusst erledigt.

Das ist ein wichtiger Vertrauensvorschuss. Nicht umsonst ist der Artikel 92 des Grundgesetzes so formuliert, dass die rechtsprechende Gewalt den Richtern anvertraut, aber nicht überlassen ist.

Auch im Prozess um den Missbrauchsfall von Staufen gab es diesen Vertrauensvorschuss für den Vorsitzenden Richter. Er wird sich im Laufe des Prozesses die notwendigen Informationen zugängig gemacht haben, die ihn in die Lage versetzten, sein Urteil im Namen des Volkes zu sprechen. Wir dürfen darauf vertrauen. Und doch muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, dass dieses Urteil beschämend ist. Es einen schlechten Witz zu nennen, ist angesichts der grausamen Thematik womöglich gewagt. Und doch werden die meisten dieses zu milde Urteil genau mit diesen Worten kommentieren: Das ist doch ein Witz!

Ganz gleich, ob man den Prozess im Saal als Zuschauer verfolgt oder erst am Tag der Urteilsverkündung Notiz von dem Verfahren genommen hat: Man kann nicht begreifen, warum der Richter davon abgesehen hat, gegen die Angeklagten die Höchststrafe von 15 Jahren zu verhängen, die für den besonders schweren Fall des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Gesetz vorgesehen ist.

Zwölfeinhalb Jahre für die Mutter, zwölf Jahre für den Lebensgefährten, natürlich sind diese Urteile keineswegs Pappenstiele. Den Angeklagten wurden schwerste Sexualverbrechen am eigenen Kind sowie Zwangsprostitution in knapp sechzig Fällen nachgewiesen. Was hätte denn noch geschehen müssen, um den Richter davon zu überzeugen, dass ein Mensch kaum eine schwerere Schuld auf sich laden kann? Wann, wenn nicht hier, hätte die Höchststrafe verhängt werden müssen?

Dass der Richter im Falle des angeklagten Mannes zusätzlich zu den zwölf Jahren Haft eine Sicherungsverwahrung anordnete, macht die Sache keinen Deut besser. Denn es bleibt dabei: Die höchstmögliche Haftstrafe wurde trotz der grausamen Taten nicht verhängt.

Doch nicht nur der Richter muss sich Kritik gefallen lassen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein derart grausamer Fall von Kindesmissbrauch durch unverzeihliches Unvermögen und Fehlurteile von Behörden erst möglich wurde. Wie oft, so fragt man sich fassungslos, soll sich dieses Muster des kollektiven Versagens noch wiederholen? Der aktuelle Fall muss auch unter diesem Aspekt schonungslos untersucht und aufgeklärt werden. Dieser Ball liegt eindeutig bei der Politik.

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