Kommentar zu Menasses Plädoyer für Europa: Die Stunde der Literaten

Kommentar zu Menasses Plädoyer für Europa : Die Stunde der Literaten

Als der österreichische Schriftsteller Robert Me­nasse vor einer Woche in Aachen mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, da konnten die, die im Ludwig-Forum dabei waren, spüren, wie sehr der 64-Jährige während seiner Dankesrede mit sich selbst ringen musste.

Da stand einer und konnte nicht verhehlen, dass er sich um die Zukunft Europas allergrößte Sorgen macht. Einer, der mit sich und diesem Europa nicht mehr weiter weiß. Der viele Fragen hat. Und keine Antworten. Der einfach nicht begreifen will, dass das, was man das europäische Grundverständnis nennt, plötzlich nicht mehr gelten soll: „Die Verteidigung der Menschenrechte, das Eintreten für Frieden, für ein Leben in Würde, das war es doch, worauf sich dieser zerrissene Kontinent geeinigt hat, worin seine Einigkeit, bei allen gegenwärtigen politischen Differenzen, bestehen sollte.“ So die Worte Menasses.

Mehr Mut, weniger Contenance

An einer Stelle während seiner Rede brachen Traurigkeit, Wut und Hilflosigkeit aus dem Schriftsteller heraus, da rang er mit den Tränen und sagte „verdammte Scheiße“. Da verlor er, wie man so schön zu sagen pflegt, die Contenance. Genau das, genau diese Lebendigkeit und Emotion machte Menasses Auftritt besonders.

Genau das ist es, was wir mit Blick auf das arg schwächelnde Europa dringend brauchen: Menschen, die die Contenance verlieren, weil ihnen Europa tatsächlich am Herzen liegt, nicht nur an Sonntagen, sondern an jedem Tag der Woche. Mutige Typen, Frauen wie Männer, die nicht hinnehmen wollen und werden, dass die Idee Europas elend vor die Hunde geht.

Es ist keineswegs neu, dass sich Schriftsteller wie Menasse zu politischen Themen äußern, das hat in Europa eine lange Tradition. Vielleicht schlägt ja tatsächlich gerade die Stunde der Literaten. In einer Rede vor dem österreichischen Parlament hat Menasses Landsmann und Schriftsteller-Kollege Michael Köhlmeier in diesem Jahr den aufkeimenden Rassismus und Antisemitismus in seinem Heimatland angeprangert.

Eine mutige Rede, in der Köhlmeier einen Zusammenhang herstellte zwischen Flucht und Vertreibung während der Zeit des Nationalsozialismus und der Lage von Flüchtlingen heute. Wie Me­nasse ist auch Köhlmeier der Überzeugung, dass wir aus der „verheerenden ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ nicht die richtigen Schlüsse gezogen haben. Wer wollte dem widersprechen?

Wieder mal ein Schriftsteller?

Wenn er nicht gerade mit dem Hasenclever-Preis ausgezeichnet worden wäre, könnte man auf die Idee kommen, Menasse 2019 mit dem Karlspreis auszuzeichnen. Warum nicht wieder mal ein Schriftsteller? Wie Václav Havel 1991 oder György Konrád 2001.

In unserem Magazin veröffentlichen wir am Samstag die Menasse-Rede in voller Länge. Für eine regionale Tageszeitung ist das eher ungewöhnlich, doch wenige Monate vor einer möglicherweise richtungsweisenden Europawahl halten wir es für wichtig und richtig, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dieses leidenschaftliche Plädoyer nicht vorzuenthalten.

Mehr von Aachener Zeitung