Kommentar zur Stickstoffdioxidbelastung: Die nächste Angstwelle

Kommentar zur Stickstoffdioxidbelastung : Die nächste Angstwelle

Im Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn findet derzeit die Wechselausstellung „Angst“ statt. Analysiert werden die Angstwellen in der öffentlichen Debatte in Deutschland, die in einem Maße auftreten, das man aus anderen westlichen Ländern nicht kennt. 

Es geht um das vermeintliche Waldsterben, den epochalen Widerstand gegen die Volkszählung oder um den Rinderwahn-Diskurs. Solche Debatten wurden immer etwas zu hysterisch und überzogen geführt.

Auch das hat eine seltsame Tradition. Wenn die Ausstellung in zehn Jahren aktualisiert wird, könnte die entfachte Dieseldebatte ein Thema sein. Auch sie entsteht nach diesem Muster: Eine Fortbewegungsart wird wegen ihrer negativen Einflüsse an den Pranger gestellt. Die Diskussion wird emotionalisiert, obwohl Fakten hilfreich sein können. Die Stickstoffdioxidwerte in Deutschland steigen nicht, sie sinken.
Fragwürdige Grenzwerte
Wenn Deutschland den in Paris ratifizierten Klimaschutzplan annähernd einhalten will, wird der moderne Diesel vorerst noch eine Hauptrolle spielen. Seine Verbrennung ist effizienter, Verbrauch und CO2-Ausstoß deutlich geringer als bei einem Benziner. Dieselfahrzeuge von den Straßen zu verbannen, würde Klimaschutzziele konterkarieren. Wir werden gerade von der nächsten Angstwelle erfasst; es handelt sich um eine reine Altlastendiskussion.

Ohnehin lässt sich die Messmethode  oder auch die Höhe der Grenzwerte kritisch betrachten. Im Büro und in Fabriken sind höhere Stickstoffdioxidwerte zugelassen als auf den Straßen. Die Luft auf den Straßen soll sauberer sein als am Arbeitsplatz. Ist das unsere Idee?

Wenn man wirklich etwas bewegen will, muss man alte Busse im öffentlichen Nahverkehr, Müllfahrzeuge oder auch Lieferfahrzeuge ersetzen, die einen großen Anteil am Stickoxid-Ausstoß besitzen. Der Umstieg auf elektrisch betriebene Fahrzeuge muss ohne Zweifel kommen, aber das geht nicht von heute auf morgen. Die Lieferfristen sind lang, bislang sind die umweltfreundlichen Fahrzeuge ziemlich teuer. Zudem lässt sich heute noch nicht mit Sicherheit sagen, dass die batteriebasierte Elektromobilität die neue Leittechnologie wird.

Die Industrie hat die Weichenstellung komplett vertrödelt, sie hat lieber – trickreich bis illegal – versucht, ihr altes Portfolio zu schützen. Es kann sein, dass ein ganzer Industriezweig, der auch der Motor des Wohlstands war, abgehängt wird.

E-Autos sind – Stand heute - nicht umweltfreundlicher als neue Diesel-Fahrzeuge, wenn man berücksichtigt, dass bei der Produktion der Akkumulatoren viel Kohlendioxid entsteht. Und zur gesamten Betrachtung gehört auch, dass der notwendige und gesundheitsschädliche Rohstoff Kobalt zum Beispiel im Kongo von Kindern ausgebuddelt wird. Das Metall sorgt in Lithium-Ionen-Akkus für eine höhere Energiedichte.
Dreckiges Feuerwerk
Und wir haben es immer noch nicht geschafft, eine passende Infrastruktur aufzubauen, damit ökologische Fahrzeuge auftanken können. Wir haben eine zwingende Entwicklung verschlafen, und der Verdacht ist sehr naheliegend, dass das politisch auch jahrelang so gewollt war. Jetzt dämmert es aber, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, den Planeten zu retten.

Übrigens: Wer kurzfristig etwas zum Umweltschutz beitragen möchte, kann das in den nächsten Tagen durch reines Nichtstun erreichen. Zum Jahreswechsel werden durch Feuerwerkskörper in wenigen Stunden bundesweit rund 5000 Tonnen Feinstaub freigesetzt. In Dieselfahrzeugen mit entsprechenden Partikelfiltern hat man das Problem weitgehend in den Griff bekommen. Zurück zum Feuerwerk: Das jährliche Himmelsspektakel verursacht viel Müll, kostet etwa 150 Millionen Euro und verursacht etwa 17 Prozent der im Straßenverkehr Deutschlands pro Jahr entstehenden Feinstaubmenge.

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