Kommentar zu Flugverspätungen: Die Klageflut stoppen

Kommentar zu Flugverspätungen : Die Klageflut stoppen

Wer schon einmal nach einem verspäteten Flug in der Schlange am Schalter der Airline stand, kennt den Ärger, mit einem Verweis auf eine Beschwerde abgespeist zu werden. Dabei sind die Ansprüche der Verbraucher eigentlich klar geregelt.

Hat die Fluglinie die Verspätung zu verschulden, muss sie zahlen. Punkt. Doch viel zu oft setzen die Airlines auf Abschreckung: Sie wollen selbst nach schriftlicher Aufforderung nicht zahlen, weisen die Ansprüche ihrer Kunden zurück und hoffen darauf, dass diese irgendwann entnervt aufgeben. Das zeugt von einem schlechten Kundenmanagement und von wenig Weitsicht in einem harten Wettbewerb der Airlines.

Zumal die Airlines sich ohnehin nicht mit Ruhm bekleckern und die Zahl der Verspätungen weiterhin auf einem inakzeptabel hohen Niveau verharrt. Bislang haben es die Fluggesellschaften nicht vermocht, die Verspätungen nach dem Chaos im vergangenen Jahr auf ein Normalmaß zurückzustutzen. Auch die Bundesregierung, namentlich Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), stand da im Wort. Weil die Situation für viele Passagiere aber nun mal so unbefriedigend ist, haben Rechtsdienstleister und Inkassounternehmen enormen Zulauf.

Was die Bundesregierung bei der Musterklage für Verbraucher, die gerade im Volkswagen-Dieselskandal erstmals zum Einsatz kommt, vermeiden wollte, ist an Amtsgerichten mit Zuständigkeit für große Flughäfen mittlerweile Realität. Dort hat sich eine regelrechte Klageindustrie rund um verspätete oder annullierte Flüge entwickelt. Das Geschäftsmodell der Anbieter macht es Fluggästen zwar sehr bequem.

Doch Vorsicht! Die Abzüge der Dienstleister sind so hoch, dass von einer Überweisung der Airline am Ende nur ein Teil übrig bleibt. Zu empfehlen ist das nicht. Wer die gesamte Entschädigung für seine Verspätung einstreichen will, fährt mit einem Brief an die Airline und notfalls mit einem Schlichtungsverfahren deutlich besser. Sehr hilfreich ist dabei die neue App der NRW-Verbraucherzentrale, mit der Fluggäste ihre Ansprüche berechnen können und Schritt für Schritt zur Beschwerde gegen die Fluggesellschaft geleitet werden.

Weit mehr als 90.000 erwartete Klagen zu Flugverspätungen sprengen alle Kapazitäten der Amtsgerichte. Allein deswegen nach mehr Richtern und Personal in den Geschäftsstellen zu rufen, wäre aber vermessen – auch wenn es sie aus anderen Gründen braucht. Etwa weil Strafverfahren zu lange dauern. Die Klageflut gegen Airlines sollte aber auf anderem Wege gestoppt werden. Das Angebot der Verbraucherzentralen ist dafür ein guter Anfang.

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