1. Meinung

Die heile Welt von Neuseeland ist gar nicht mehr so heil

Kommentar zum Terror in Neuseeland : Ganz nah bei uns

Jeder, der schon mal in Neuseeland war, rund 14.000 Kilometer von Deutschland entfernt, schwärmt nicht nur von der grandiosen Natur, sondern auch von der Aufgeschlossenheit der Menschen, vom entspannten Miteinander, vom Zusammenhalt. Eine Insel der Glückseligen, gar ein Paradies? Ein Klischee, das längst Risse bekommen hat.

Die Einwanderung ist auch im Süden des pazifischen Ozeans längst zum (Streit-)Thema geworden. Premierministerin Jacinda Ardern, eine Sozialdemokratin, regiert in einem Bündnis mit den Grünen und mit einer Partei, die sich „New Zealand First“ nennt und Einwanderung zumindest skeptisch gegenübersteht. Da passt es irgendwie ins Bild, dass der grüne Klimaschutz-Minister James Shaw zuletzt auf offener Straße von einem Mann attackiert wurde. Die heile Welt ist gar nicht mehr so heil.

Und jetzt dieser barbarische Terrorakt gegen betende Muslime. Verübt von rechtsextremen Rassisten, minutiös geplant, gnadenlos exekutiert – und im Internet angekündigt und später dort live übertragen. Die Täter suchten die ganz große Bühne – und fanden sie. Dass sich das 17-minütige Video extrem schnell in den Sozialen Netzwerken verbreiten konnte zeigt, dass die Kontrollmechanismen im Netz nicht funktionieren. Die Facebook- und Twitter-Konten des mutmaßlichen Hauptattentäters wurden erst gesperrt, nachdem die Polizei die Netzwerke dazu aufforderte. Mindestens eine Stunde lang soll das Video zu sehen gewesen sein; es wurde geliked und weiter verbreitet. Die Algorithmen und „Cleaner“, die so etwas verhindern sollen, sind dem nicht gewachsen.

Die Tat wurde in einschlägigen Foren beklatscht und zynisch kommentiert. Auch in Deutschland. Das ist tatsächlich wenig überraschend. Und doch hilft es, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass es auch in unserem Land längst wieder einen braunen Sumpf gibt. Mit Gestalten, bei denen die Gefahr besteht, dass die Übergänge vom Ressentiment zur widerlichen Hetze und schließlich zur Gewalt mehr und mehr fließend werden. Die voller Hass sind auf „den Islam“ und alles, was ihnen fremd erscheint – auf Andersdenkende, Andersgläubige, Andersaussehende. Die in rassistischen Überlegenheitsfantasien schwelgen. Genau wie die Attentäter von Christchurch.

Deshalb ist dieser perfide Terroranschlag ein Angriff auf unsere Werte – übrigens genau so, wie es jeder islamistische Anschlag ist. Deshalb ist er ein Fanal, das uns daran erinnern sollte, für unsere offene Gesellschaft einzutreten und für sie zu kämpfen. Deshalb ist uns Neuseeland, rund 14.000 Kilometer von Deutschland entfernt, ganz nah.