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Glosse „Annes Welt“: Die Folgen der Work-Life-Balance

Glosse „Annes Welt“ : Die Folgen der Work-Life-Balance

Neulich las ich folgende Anzeige: Probleme im Privatleben? Dann werde Pflegekraft. Kein Privatleben, keine Probleme! Jetzt überlege ich tatsächlich.

Der Grund: mein Mann hat seinen ‚Nine-to-five-Job‘ zugunsten seines Freizeitkontingents auf 60 Prozent reduziert. Mit „Work-Life-Balance“ begründete er diesen Schritt. Seitdem verwaltet er – neben den angestammten Ressorts Steuererklärung, Entkalkung der Kaffeemaschine und Ölstand prüfen, auch unseren Haushalt. Es dauerte nicht lang und er wurde zum Listen-Fetischisten. Was bei Frauen die Wechseljahre, sind bei Männern die Exceljahre. „Deutscher kann’s nicht mehr werden“, dachte ich zunächst. Aber weit gefehlt. Gelebte Effizienz im Alltag – da geht noch was…

Beispiel Spülmaschine: Mein tägliches Einräumen plane ich nicht jedes Mal wie einen Hindukusch-Einsatz. Damit ist seit gestern Schluss. Mein Mann räumt sie ein, so wie ich früher Tetris gespielt habe. Gestern, ich wollte gerade die Klappe zuschlagen, kam er von hinten und schachtelte mit einer unvorstellbaren Ingenieur­haftigkeit noch drei Tassen, vier Teller, unseren Fiat, ne Wohnzimmerschrankwand und die eurasische Kontinentalplatte rein. Der Fluch der Akribik – in meiner Küche.

Auch als ich neulich den Kühlschrank einräumte, folgte eine ungefragte Expertise. Bislang geschah das nämlich nach dem Grundsatz der chaotischen Lagerung, wonach kein Artikel einen festen Lagerplatz hat. Amazon macht das so. Nur das Warenwirtschaftssystem, in unserem Haus also ich, weiß, wo was ist und schickt einen Roboter los, also wieder ich, um das gewünschte Teil ranzuholen. Ein einziger Satz wie „Is Bier kalt?“ reicht, und der gewünschte Artikel steht Sekunden später gut gekühlt auf dem Couchtisch.

Jetzt überraschte er mich mit einer standardisierten Versuchsan-ordnung die dem Fifo-Prinzip unterlag. „First in, first out“, erklärte er. „Aha“, mein Kommentar, „ich verstehe.“ Seine Antwort: „Dat wäre das erste Mal.“ Und wieder folgte ein Vortrag zum Thema: Wie vermeide ich es, dass angebrochene Joghurtbecher zu stummen Zeitzeugen in Sachen Vergänglichkeit werden – auch wenn sie dabei die Haare schön haben.