Annes Welt: Die Charaktere des Homo Pedalicus

Annes Welt : Die Charaktere des Homo Pedalicus

Früher führte mich meine morgendliche Radtour zum Büro über einen ein Meter breiten Weg durch die Blumenrabatte im Elisengarten. Drei Kreisregner bewässerten im Uhrzeigersinn, zwei gegen den Uhrzeigersinn.

Alle waren unterschiedlich getaktet. Aber für mich kein Problem, denn unzählige Mario-Kart-Sessions mit meiner kleinen Nichte hatten mich auf so etwas vorbereitet. Ich kam dennoch entspannt an.

Heute bin ich mental durchgenudelt, wenn ich das Büro entere, weil ich bereits drei Nahtoderfahrungen hinter mir habe: Toleranz fängt bei Laktose an und hört im Straßenverkehr auf. Konkret: Mancher Radfahrer hat in meinen Augen ein Rad ab!

Radler meinen ja per se, moralisch fest im Sattel zu sitzen, weil sie weder für Klimaerwärmung noch für Feinstaub verantwortlich sind. Von veganem Reiten ist sogar schon die Rede. Aber: ein Taktstock im Allerwertesten macht noch keinen Swing.

Da sind diese Kampfradler, die Pitbulls der Straße. Überholen wie Pfeile von rechts und touchieren wie Säbel von links. Klingeln? Quatsch! „Mach voran, sonst hol ich Dich da runter“, tut’s doch auch. Ich atme ein und raste aus. Da wird über den Gehweg abgekürzt und entgegen der Einbahnstraße gefahren. Wenn falsch, dann richtig. Die fahren wie biologische Waffen auf der Suche nach einem Ort zur Detonation.

Das Gegenteil sind die hyggeligen Muttis aus dem Frankenberger Viertel, die mit ihrem Hybrid aus Sattelschlepper und XL-Wanne anarchisch und achtsam einen kilometerlangen Autokorso anführen. Eine Stimmung wie zur WM: es wird gehupt und gepöbelt. Im Bottich sitzen – exakt auf Auspuffhöhe – Ben Luca, Leopoldina und Mia-Magenta. Sie werden auch dieses Mal wieder völlig benebelt die Kita erreichen.

Natürliche Selektion ist zwar wichtig auf dieser Welt. Aber doch nicht so! Und auch nicht wie es diese Telekom-Trikot-Typen demonstrieren, die sich bei Dämmerung aus dem Aachener Feinstaub machen. Und zwar ohne Dynamo-Lampen oder LEDs, weil sie ja wichtige Nanosekunden kosten können. Mein Tipp an dieser Stelle: Es gibt jetzt reflektierende Organspendeausweise. Die können sogar im Windschatten vom Sattel anbracht werden.